"Ich war am liebsten Häuptling"
Von Bernd Köllinger
"Was passiert, wenn man einer neunjährigen Vulkanierin einen Gedichtband von Garcia Lorca schenkt?"
Dieser Satz, mit dem Anneliese Wipperling im Internet auf ihren Roman "Der weite Weg zur Erde" aufmerksam macht, ist verräterisch, enthält er doch gleich zwei wichtige Informationen über die Autorin selbst: erstens, dass sie eine glühende Anhängerin der Star-Trek-Serien ist und als solche Geschichten schreibt, die in einem phantastischen Universum spielen; und zweitens, dass sie seit vielen Jahren der Lyrik verfallen ist, insonderheit jener Pablo Nerudas, Garcia Lorcas und der Surrealisten. Die neunjährige Vulkanierin ist auch eine Projektion ihrer selbst.
Die Brandenburgerin, die am 31. Dezember 2003 in den Vorruhestand geschickt wurde, nachdem sie zuvor für das Bahnumweltzentrum Kirchmöser die Datenbanken über Abwasserkanäle betreut und ausgewertet hatte, gesteht unumwunden, dass sie "nur zu einem Viertel aus der Gegend" stamme. Eben jenes Viertel aber hatte einst eine Familientragödie ausgelöst. Fritz Wipperling, der Großvater aus dem Harz, hatte sich in ein Mädchen aus Milow verliebt. Nach Meinung der Familie jedoch war das für ihn die falsche Frau, denn sie brachte in die Ehe kein Geld. Da er nicht von ihr ablassen wollte, wurde er kurzerhand enterbt. So löste man damals Familienkonflikte. Großvater Fritz war ein unternehmender, fleißiger Mann. Er gründete eine Handschuhfabrik, die durchaus florierte und die Familie ernährte, bis er sie in der Weltwirtschaftskrise Ende der zwanziger Jahre wieder verlor. Ein Brandenburger Schicksal, das weder alt noch neu ist. Manch hoffnungsvoller Jungunternehmer der Gegenwart wird sich mit seinem Schicksal identifizieren können.
Auch Anneliese Wipperling wäre lieber Germanistin geworden, doch nur ein Lehrerstudium hätte sie wenigstens in die Nähe eines solchen Berufswunsches bringen können. Sie aber hatte keine Ambitionen auf den Lehrerberuf. Da sie in ihrem Abiturzeugnis in allen Fächern eine Eins aufweisen konnte, außer im Sport, entschloss sie sich, Chemikerin zu werden. Ein Studium in Leipzig verhalf ihr zu dem einschlägigen Diplom. Doch da hatte sie schon der Virus erfasst, der sie Gedichte schreiben ließ.
Chemie und Lyrik - wie geht das zusammen? "In den Naturwissenschaften wie in einem Gedicht ist es verpönt, viele oder gar überflüssige Worte zu machen. Außerdem liebe ich straff und spannend Geschriebenes." Schon in der Grundschule reimte sie sich einiges zusammen. Später war ihr Vorbild der sprachgewaltige Majakowski. "Dessen Stil hat mir gefallen." 1969 entstand das aus ihrer Sicht "erste brauchbare Gedicht".
Auch ihre Begeisterung für Phantastisches und Utopisches geht auf die Schulzeit zurück. "Das waren zwei dünne blaue Hefte. Doch ich habe sie in die Ecke geworfen. Mir war klar: Prosa kannst du nicht."
Nach dem Studium kehrte sie zur Mutter nach Brandenburg zurück und nahm ihre Arbeit bei der Deutschen Reichsbahn auf, in der Zentralen Prüf- und Entwicklungsstelle des Verkehrswesens, wo sie im Lauf der Jahre allerlei Felder zu beackern hatte - von der Schmierungstechnik über die Standardisierung bis zur Literatursammlung zum Verhältnis von Umwelt und Energie.
Nebenbei, aber mit großer Hingabe, schrieb und dichtete sie, zuerst im Zirkel schreibender Arbeiter des Stahl- und Walzwerks, später dem des Getriebewerks (aus dem nach der Wende die Havelländische Autorengruppe hervorgegangen ist).
"Bei allen Vorteilen und auch der Förderung, die den dichtenden Laien zuteil wurde, hatte ich immer das Gefühl, als stünden hinter jedem schreibenden Arbeiter gleich zehn Funktionäre, die mit seinem Tun ihr Geld verdienen und sich wichtig machen."
Zwar sagt sie über sich, sie setze "im Alltag und bei wichtigen Entscheidungen ganz vulkanisch den Verstand ein". Doch zugleich weiß sie, "dass in der Kunst oft jene Seiten der Persönlichkeit zum Vorschein kommen, die sonst eher unterrepräsentiert sind". Und sie räumt auch ein, oft genug anzufangen, "ohne zu wissen, wo es aufhört." Dann sind die Gefühle an der Macht. Bald schon kam zum Umgang mit Gedichten und dem Faible fürs Phantastische eine dritte Leidenschaft hinzu - jene für die Lebensweise und Geisteswelt der nordamerikanischen Indianer. "Natürlich haben wir schon als Kinder Indianer gespielt. Da war ich niemals eine Squaw, sondern immer der Häuptling, denn als Kind wäre ich viel lieber ein Junge gewesen. Noch heute kann ich mit so genannten Frauengesprächen nichts anfangen. Durch Bücher bin ich dann immer weiter in ihre Lebensweise hineingezogen worden. Ich gehöre aber nicht zu denen, die im Sommer wochenlang auf einer Wiese so tun, als gehörten sie zu den Dakota oder Cheyenne. Das einzige, was ich einmal selbst angefertigt habe, ist ein Stirnband. Wenn ich in irgendeinen Stamm aufgenommen würde, dann wäre das etwas anderes und eine große Ehre. Aber so?" Und dann erzählt sie eine Anekdote, die nicht nur ein Schmunzeln hervorruft, sondern auch nachdenklich macht. Sie endet mit der Frage eines nordamerikanischen Ureinwohners an einen Deutschen: "Warum stehlt ihr uns sogar noch unsere Ahnen? Warum spielt ihr nicht die alten Germanen?"
Am Mittwoch, dem 25. April, 19.00 Uhr liest sie "mit unserer kleinen Truppe" in der Bibliothek der Asklepios Fachklinik aus dem jüngst erschienen Gemeinschaftsband "Tief im Inneren tanzen sie" und anderen Werken.
Brandenburger Wochenblatt, 01.04.2007
Buch der Woche, KW 13/2007: "Tief innen tanzen sie"
In diesem Buch sind die Werke von vier Autoren vereinigt, wobei sich die unterschiedlichen Facetten und Stile harmonisch zusammenfügen.
Bei über 200 Seiten ist da sicher für jeden etwas dabei. Häufig jedoch sind die Gedichte keine leichte Alltagskost, so daß es durchaus sein kann, daß sich der Leser an einer Seite auch mal eine Weile festbeißen kann - oder viel mehr sogar sollte! ;)
Die enthaltenen Bilder sind wie das Cover selbst sehr ansprechend gelungen und bilden eine sehr schöne Einleitung in das darauf folgende Kapitel.
Ivonne Straub, www.lyrikecke.de
Tief innen tanzen sie
Lyrikband mit Beiträgen aus Brandenburg an der Havel
Von Bernd Köllinger
Die Havelstadt Brandenburg ist immer für Überraschungen gut.
So ist vor Wochenfrist ein Lyrikband erschienen, in dem, nach den Worten einer der Autorinnen, "drei Frauen und ein Mann, drei Ossis und ein Wessi" ihre sich ähnelnden Sichten auf Mensch, Natur und Welt ausbreiten. Er trägt den Titel "Tief innen tanzen sie" und wird von Books on Demand, Norderstedt, hergestellt.
Zwei der Autorinnen leben in Brandenburg an der Havel. Sie heißen Adriana und Anneliese Wipperling.
Die Gedichte sind in einem Zeitraum von 38 Jahren entstanden. Eines der ältesten, von Anneliese Wipperling, stammt aus dem Jahr 1974. Es reflektiert den 11. September 1973, den Tag, an dem General Pinochet putschte und Präsident Allende starb. Eines der jüngsten, von Adriana Wipperling, trägt die Jahreszahl 2006. Es handelt von der Bereitschaft, Zukunft durch eigene Tat zu gewinnen und soziale Ungerechtigkeit aus der Welt zu schaffen.
Die Beiträge des 208 Seiten umfassenden Bandes sind durchweg engagierte poetische Auseinandersetzungen mit den Verwerfungen im Individuum, die durch Zerstörung der natürlichen Umwelt, Verletzung der Menschenwürde und soziale Kälte entstehen. Die Autoren haben dafür in erstaunlicher Vielfalt eigene Bilder, Metaphern, Parabeln gefunden.
Seerosen blühen unterm Kopfsteinpflaster, Raumschiffe kriechen durch die Kanalisation, schelmische Engel heben ihre Röcke zum CanCan, infantile Götter naschen Eiszeiten am Stiel, ein Mann befreit sich von seiner eigenen Haut, Liebhaber werden unter Blütenschnee begraben, Schmetterlinge fallen als rostige Schrauben vom Himmel. Die Traumwelten sind bizarr, und ungeschminkt ist die Realität. Neben den beiden Brandenburgerinnen haben Ramona Scheerer und Walter Kiesenhofer beachtliche Verse beigesteuert.
Das Buch ist für 14,85 Euro unter der ISBN-Nummer 978-3-8334-6964-0 im Buchhandel sowie bei libri.de und Buch24 erhältlich.
Brandenburger Wochenblatt, 11.03.2007
Über morgendliches Schreiben
bis zu eigenen Gesetzen von Kreativität
ein Interview mit Anneliese und Adriana Wipperling
Adriana und Anneliese Wipperling haben sich in der Star-Trek-Szene mit ihren hervorragend geschriebenen Romanen, Storys und Essays einen Namen gemacht. Beide Autorinnen können nicht nur über Charaktere im Star Trek Universum schreiben, sondern sie tauchen in dieses ein und bringen es zum damit zu einem eigenständigen Leben. Ihre FanFiction und Texte erschienen im Star Trek Forum & auf ihrer Webseite "Sandozean". Wer denkt, das sei alles, ist überrascht, wie vielfältig die Arbeit der beiden Autorinnen ist: Lyrik, Prosa, Essays ... ihr Schaffen kennt keine Grenzen und so haben wir haben storyline-net.de bei den Autorinnen einmal nachgefragt:
Hallo Adriana und Anneliese, wir freuen uns, dass Ihr einem Interview für unser Magazin zugestimmt habt.
Anneliese: Hallo Gabi! Wir sind richtig stolz darauf, dass Ihr uns interviewen wollt
Adriana: Man könnte fast sagen: überwältigt. So was ist uns bisher noch nicht passiert!
Wie hat das bei Euch angefangen? Habt Ihr Euch eines Morgens gesagt: "Wir schreiben jetzt eine Story zusammen?"
Adriana: Es stimmt, die besten Ideen kommen uns morgens beim Frühstück (lächelt). Aber wir haben nur einen kurzen Artikel zusammen geschrieben, eine Glosse mit dem Titel "Aus tiefstem Inneren". Es begann mit der berühmten Frage: "Warum hat noch nie jemand auf einem Schiff der Sternenflotte ein Klosett gesehen?" Und dann sind die Ideen nur so aus uns herausgesprudelt, eine verrückter als die andere - bis hin zur absoluten Sinnlosigkeit (lacht). Das war toll! Wir diskutierten eine Weile, wie wir die Sache am besten aufziehen, schließlich hab ich es in die schriftliche Form gebracht. Aber eine Story zusammen schreiben? Das hat bis jetzt noch nicht geklappt. Unsere Vorstellungen gehen doch ganz schön auseinander, unser Stil ist sehr verschieden ...
Anneliese: Wir sind eben beide eher "Einzelkämpfer" und legen sehr viel Wert auf die Eigenständigkeit und Unversehrtheit unserer Welten. Wir haben uns schon vor dem "Erstkontakt" mit dem Star Trek Forum an verschiedenen Genres versucht. Adriana an Gegenwartsgeschichten und einem eigenen SF-Universum ... ich habe hauptsächlich Lyrik geschrieben.
Irgendwann hattet Ihr eine Geschichte geschrieben und dann natürlich auch den Wunsch, diese zu veröffentlichen. Wie seid Ihr dabei vorgegangen? Hattet Ihr Ängste oder seid Ihr mit "Warp 10" zum Star Trek Forum gesteuert?
Anneliese: Da wir im eigentlichen Sinne kein Schreibteam sind, antworte ich diesmal nur für mich selbst. Ich bin in der DDR groß geworden und habe dort in verschiedenen Zirkeln schreibender Arbeiter mitgewirkt. Damals musste man sich unterwerfen, um gefördert zu werden ... das heißt, sozialistische Propaganda absondern. Da meine Lyrik immer sehr privat war, gehörte ich nie zu den Hätschelkindern des Systems. Ich will damit nicht sagen, dass ich besonders mutig oder gar eine Dissidentin war, aber ich kann nur über Sachen schreiben, die mich wirklich sehr bewegen ... also keine "Schmelze der Freundschaft" und auch kein "Portrait eines Aktivisten". Hinzu kommt, dass ich fest daran glaube, dass Kunst wahrhaftig sein muss, um dem Leser etwas zu geben. Ich habe früher so gut wie nichts veröffentlichönnen ... nur ein paar Gedichte in Zirkelanthologien und Betriebszeitungen ... zwei Gedichte in einem Sammelband des gewerkschaftseigenen Tribüne Verlags ... Letzteres natürlich ohne Honorar. Nach der Wende habe ich erstmal weiter Gedichte für die Schublade produziert, um mein inneres Chaos abzuarbeiten. Ich bin gar nicht auf die Idee gekommen, das irgendwo anzubieten. Und dann standen wir während der Nexus-Convention 1999 plötzlich vor dem Stand des Star Trek Forums ... haben gestaunt, geblättert und gelesen. Wir kamen sehr schnell zu dem Schluss, dass wir uns dort einbringen könnten ... und die Konditionen sind ja wirklich gut: Nur der Klubbeitrag und Uschi Stockmann (die gute Seele!) kümmert sich um alles andere. Wer kann dazu schon nein sagen, vor allem, wenn er sich einen Zuzahl-Verlag nie und nimmer leisten könnte?
Adriana: Eigentlich ist das Star Trek Forum auf uns zugegangen - jedenfalls hatten wir nach kürzester Zeit einen ganzen Stapel Fanzines und Infomaterial im Arm und wurden gefragt, ob wir mitmachen möchten. Ängste hatte ich keine, ich war begeistert, dass es diese Chance für kreative Fans gibt! Mir spukte nämlich schon seit längerer Zeit das Konzept für eine neue Star-Trek-Reihe im Kopf herum: "Star Trek Defender", eine Art Dominionkriegs-Drama-Politthriller-Mischung mit mehr oder weniger schwarzem Humor. Und mit eigenen Charakteren. Ich fühle mich leider etwas eingeengt, wenn ich über Figuren schreibe, die ein anderer erfunden hat. Es gibt nur wenige Star-Trek-Helden, die mir wirklich leicht von der Hand gehen.
Es ist kein Geheimnis, dass ihr ein "Mutter-Tochter-Autorenteam" seid. Geht das bei Euch reibungslos ab oder bringt Anneliese ihre mütterliche Autorität beim Schreiben mit ein?
Adriana: Au, heikle Frage ... Nun, es kommt darauf an, was Du unter "mütterlicher Autorität" verstehst, Gabi. Ich habe sehr viel von Anneliese gelernt, was das Schreibhandwerk angeht, irgendwie profitiere ich heute noch von ihren Zirkel-Erfahrungen und vor allem von ihrem enormen Wissen über Literatur! Meinen ersten Roman hab ich mit 15 geschrieben, den zweiten mit 19. Beide brauchten mindestens 3 Jahre, um fertig zu werden, und heute lese ich sie gar nicht mehr, weil sie mir nur noch peinlich sind. Sicher wären sie besser geworden, wenn Anneliese sich damals eingemischt hätte ... aber da bin ich eigen und schreibe lieber ehrlichen Herzens Mist. Anneliese respektiert das. Wenn sie ein Mentor für mich war, dann auf keinen Fall einer von der autoritären Art.
Anneliese: Weißt Du, Gabi, ich bin nicht so verrückt, den Familienfrieden zu gefährden, indem ich versuche, meiner erwachsenen Tochter Vorschriften zu machen. Sie hat ihren eigenen sturen Kopf und den hatte ich in ihrem Alter auch. Zum Glück müssen wir uns gar nicht zusammenraufen, weil jeder seine eigenen Projekte hat. Wir schmeißen höchstens mal ein paar Geschichten in einen gemeinsamen Band. Allerdings borgen wir uns manchmal Charaktere aus ... und dann passt die "Mutter" desselben natürlich höllisch auf, dass ihr Baby nicht beschädigt wird ...
Anneliese hat einmal ein wunderschönes Essay von "Schreibblockaden und Höhenflügen" geschrieben, welches auf Eurer Webseite zu finden ist. Dort heißt es auch: "Ein kreatives Leben hat seine eigenen Gesetze und Fallstricke, Freuden und Leiden, Höhenflüge und Niederungen." Was sind Eure ganz eigenen Gesetze im kreativen Schaffen?
Anneliese: Auch hier gehen wir etwas unterschiedliche Wege. Ich bin eher eine Romantikerin, die an die Magie des Schreibens glaubt und wie im Rausch arbeitet. Ich erwecke meine Charaktere durch eine Art Meditation und Träume zum Leben. Irgendwann beginnen sie, von selbst zu agieren und ich notiere als vergleichsweise bescheidene Chronistin, was sie mir zeigen und erzählen. Dabei muss ich den Erzählfaden immer straff gespannt halten, sonst wird aus der Geschichte nichts. Merkwürdigerweise fange ich auch einen 200-Seitenroman an, ohne vorher im Einzelnen zu wissen, wer alles dabei sein wird und wie er ausgeht.
Adriana: Geschichten, die ich so geschrieben habe, sind leider nie fertig geworden. Wenigstens konnte ich später ein paar Szenen wiederverwenden, also war es nicht ganz für den Papierkorb.
Anneliese: Szenen wiederverwenden ... das funktioniert bei meiner Arbeitsweise überhaupt nicht!
Adriana: Ich brauche halt ein gewisses Maß an Planung, obwohl ich im "normalen Leben" eher spontan bin. Ich muss, wenn ich eine Story anfange, zumindest eine Vorstellung haben, wie sie endet und was ich damit aussagen will. Okay, auf dem Weg dahin passiert viel Unerwartetes, gibt es immer wieder Wendungen, die mich selbst überraschen... In dieser Phase geht es mir auch nicht besser als meiner Mutter und ich bin ziemlich machtlos gegen das, was meine lieben Charaktere so anstellen. Besonders, wenn Neue hinzukommen und alles durcheinander bringen ... Das endet manchmal damit, dass ich meinen ursprünglichen Plan über den Haufen schmeißen muss - aber dann brauche ich ganz schnell einen Neuen!
Anneliese: Bei mir kommt es häufig vor, dass sich neue Charaktere mit Macht in die Geschichte drängeln und alles verändern. Manchmal finde ich das selbst ziemlich verrückt ... aber es scheint zu funktionieren. Zumindest hat sich noch niemand über lose Handlungsfäden beschwert.
Anneliese schreibt auch in ihrem Essay vom trügerischen Glück des Schreibens. Ein wichtiger Schritt in der Arbeit eines Autors ist es - das ist auch kein Geheimnis - zu sehen, wo der eigene "Mist" geschrieben steht. Ist es leichter zu zweit, so etwas zu erkennen?
Anneliese: Adriana kritisiert mich selten ... und dann hat sie oft hundertprozentig recht und ich ärgere mich scheckig, dass ich den Lunker oder die Ungereimtheit nicht selbst entdeckt habe.
Adriana: Das ist umgekehrt genauso. Meine schärfste Kritikerin bin ich selbst, dann kommt eine Weile nichts und dann folgt Anneliese.
Anneliese: Meine schärfsten Kritiker sind meine unsichtbaren Freunde, die Charaktere der jeweiligen Geschichte. Ihre Reaktion reicht vom leisen Protestknurren bis zur Totalverweigerung, wenn ihnen etwas nicht passt. Es ist mir völligöglich, mit bockenden Figuren weiter zu schreiben. Mir bleibt dann nichts weiter übrig, als die Sache noch einmal zu überschlafen und ihnen genauer zuzuhören. Wenn ich allerdings das Gefühl habe, völlig im Einklang mit meinen Charakteren zu sein, bin ich kaum bereit, mehr als ein paar sprachliche Änderungen zu akzeptieren. Die Wahrhaftigkeit imaginärer Welten ist für mich ein Wert an sich ...
Adriana: Oh ja ... bockbeinige Figuren kenne ich auch! Das hatte ich zuletzt bei meiner Story "Eine für Alle", die auch bei storyline-net veröffentlicht ist. Eigentlich war ich mit der Erstfassung ganz zufrieden, meine Mutter war begeistert, meine zwei oder drei Testleser hatten auch nichts zu meckern. Also hab ich sie an den "Starbase" (unser halbjährliches Klubmagazin) geschickt. Eines Nachts, zwei Wochen später, hat mich meine Hauptheldin Captain Lairis aufgesucht und mich mit ihrem Protestgegrummel regelrecht um den Schlaf gebracht. Madam fand sich in "Eine für Alle" zu weinerlich und verweigerte mir jede Kooperation für weitere "Defender"-Bände ... Am nächsten Morgen gefiel mir die Geschichte selbst nicht mehr, ich hab sie umgeschrieben und nochmal an den "Starbase" geschickt. Das war eine ziemliche Zitterpartie, weil ich nicht wusste, ob das Heft schon im Druck ist ... aber ich hatte Glück. Also, großer Appell an meine Figuren: Wenn ihr in den Streik treten wollt, überlegt es euch beim nächsten Mal ein bisschen früher!
Auf Eurer Webseite "Sandozean" erfährt der Leser, dass Ihr auch anderes schreibt wie Lyrik, Essays oder auch Artikel. Was glaubt Ihr, kommt nach der FanFiction oder wollt Ihr in diesem Genre bleiben?
Anneliese: Hmm. Bevor ich den Leuten vom Star Trek Forum begegnet bin, wusste ich gar nicht, dass es FanFiction gibt ... und dann dauerte es noch über zwei Jahre, bis mir klar wurde, was für ein merkwürdiges Genre das ist. Schon die ganzen Schachteln und Schächtelchen: Adventure, Mary-Sue, K/S ... und weiß der Geier, was sonst noch alles! Und dann gibt es noch -zig verschiedene Definitionen für jede Rubrik! Die Geschichten derjenigen, die sich diesen merkwürdigen Strukturen kritiklos unterwerfen, ähneln sich oft so sehr, dass man nach anfänglicher Faszination irgendwann aufhört, sie zu lesen. Ich habe, wie früher, wieder einmal nicht in die Schablonen gepasst ... irgendwann wurde mir das zu bunt und ich habe meine unsichtbaren Freunde in ein anderes Universum transferiert - wie Du siehst, habe ich mich bereits abgenabelt. Das war zwar nicht gut für die Verkaufszahlen ... aber nun bin ich frei. Zum Glück gibt es beim Star Trek Forum die Rubrik "other genre" für meine Heyla-Geschichten. Die Leser werden sich hoffentlich daran gewöhnen und wer weiß, vielleicht ... Paramount kann mir jedenfalls nicht mehr in die Suppe spucken.
Adriana: Naja, ich will mich noch nicht ganz und gar von Star Trek losreißen. Dazu hänge ich zu sehr an meinen Charakteren und diesem Universum, das ich sehr mag. Aber ich möchte auch irgendwann andere Sachen schreiben. In meiner Schublade liegt ein Science-Fiction Roman von 1999, den ich allerdings in der Form nicht auf die Menschheit loslassen kann. Trotzdem glaube ich, aus dem Universum, das ich damals angedacht habe, ließe sich einiges machen. Ideen hätte ich schon ...
Nehmen wir einmal an, storyline-net wäre mit einem Replikator der ganz besonderen Art ausgestattet. Statt einem Drei-Gänge-Menü hätte jeder von Euch drei Wünsche frei. Was würdet Ihr Euch für die Zukunft wünschen?
Adriana: Erstens: einen vernünftigen Arbeitsplatz. Aber das deckt es nicht ab ... Eigentlich wünsche ich mir ein Ende dieser sozialen Schieflage, ich wünsche mir, dass es in Deutschland und der Welt irgendwann gerechter zugeht und dass ich es noch erleben darf. Zweitens: einen lieben, verständnisvollen Mann, der mir verzeiht, wenn ich mal wieder rettungslos in irgendwelchen Fantasiewelten verschollen bin und nur noch Augen für meinen Computer habe. Und drittens natürlich: Leser, Leser, Leser ... (schmunzel).
Anneliese: Das ist eine schwierige Frage! Angesichts dessen, wie kompliziert das bei mir mit dem Schreiben ist, bin ich ein wenig skeptisch, was Verlage und Lektoren angeht. Da müsste ich schon jemanden finden, der mich versteht und mir ein wenig Freiheit lässt ... sonst würde ich mir wahrscheinlich eine dicke Schreibblockade einhandeln. Deshalb gehe ich die Sache lieber bescheidener an: 1. wünsche ich mir, lange genug gesund und geistig fit zu bleiben, um meine wichtigsten Projekte zu Ende führen zu können. 2. wünsche ich mir Leser, die gern mit mir auf die eine oder andere Reise gehen möchten ... und 3. hoffe ich, dass es den Leuten in Deutschland irgendwann wirtschaftlich besser geht und sie wieder mehr Geld für Bücher übrig haben.
Wir danken Adriana und Anneliese, dass sie uns in diesem Interview unsere Fragen so offen beantwortet haben und wünschen Ihnen für ihre weitere Arbeit alles Gute und auch viel Erfolg bei ihren weiteren Projekten!
Das Interview führte Gabriele Scharf via mail (Januar 2005)
Siehe auch: http://www.storyline-net.de