Prosa

    Veröffentlichungen:

  • „Hilfe, meine Tochter hat ein Alien geheiratet" in: www.literaturkneipe.com
  • „Am Rande des Abgrunds", „Hilfe, meine Tochter hat ein Alien geheiratet" und „Die Parias aus der karminroten Stadt" in: www.storyline-net.de
  • „Der Gedankendieb" in Phantastisch! Heft 2/2007, Verlag Achim Havemann, ISSN 1616-8437.

NEU!    Der Gedankendieb

(SF-Kurzgeschichte, 2006)

Es soll tatsächlich Banausen geben, die noch nie was von Carlos Mansilla gehört haben! Ich weiß nicht, wie die das schaffen, denn mich kann man praktisch überall und in allen großen Sprachen des Quadranten lesen. Es vergeht keine Woche, wo ich nicht zu Vorträgen und Talkshows eingeladen werde. Ich bekam schon dreimal den Pegasusorden erster Klasse, zweimal den Federico García Lorca-Ehrenpreis, fünfmal den intergalaktischen Novastern und einmal sogar einen goldenen Ehrenring vom Planeten Nakkar. Ich bin gut. Diese hoch bezahlten Kritiker können sich gar nicht irren!
Mir ist egal, was die neidische Literatenfront geifert. Solange das Publikum in Scharen kommt und die Mädchen ... sogar Kah´Gelah, eine hoch gelobte junge Poetin vom Planeten Heyla lag mir zu Füßen. Sie hat mich geheiratet, obwohl ich mehr als zweimal so alt wie sie bin. Gelly sieht auf ihre spezielle Weise ganz passabel aus und sie ist ziemlich wild im Bett ... aber deshalb habe ich sie nicht genommen. Es ist ausgesprochen nützlich, die Konkurrenz im Griff zu haben. Heylaner sind Telepathen, ihre Ehepaare mental auf Gedeih und Verderb verbunden. Ich weiß immer, was meine Frau denkt und fühlt. Sie wird mich niemals übertreffen, denn ihre Ideen, Metaphern und Träume gehören mir.
Wenn ich bloß an die letzte Lesung denke ... oh, ich liebe diese verzückt zum Podium gereckten Gesichter, das schmachtende Seufzen der jungen Frauen, verstohlene Tränen bei den Großmüttern und die steinernen Mienen, hinter denen die Männer ihre Ergriffenheit verbergen. Natürlich genieße ich hinterher den frenetischen Applaus und das duftende Ruhmesgemüse aus zarter Hand.
Gelly hat, seit wir zusammen sind, nichts mehr veröffentlicht. Sie ist total blockiert, depressiv ... wahrscheinlich von meinem strahlenden Ruhm geblendet. Als ich für mein neuestes Werk endlich den heiß begehrten Kristallobelisken der interplanetaren Dichtergilde erhielt, wurde sie grün vor Eifersucht ... na ja, eigentlich ist sie immer grün aber diesmal war es besonders schlimm. Drei Tage später ist sie nach Heyla abgedüst. Sie hat mir nur einen Zettel hinterlassen: „Carlos, ich brauche dringend einen Gedankenmeister. Ich weiß nicht, ob und wann ich wiederkomme. Kah´Gelah aus dem Hause Boras.“
Erst wollte ich hinterher und sie zurückholen. Aber dann habe ich es mir anders überlegt: Heylanische Gedankenmeister sollen kreuzgefährlich sein und überhaupt: eine ganze Welt voller pinselohriger grünblütiger oberschlauer Supertelepathen? Nein danke!
Es war schon schwierig genug, Gellys Visionen unbemerkt aufzuschreiben, zu glätten, zu feilen und das Ergebnis heimlich zu meinem Verleger zu tragen. Glaubt mir, damals ist die Hälfte meiner Einkünfte für Schnaps draufgegangen, aber es hat sich gelohnt. Ich kam eher zufällig dahinter: Schon ein mittlerer Rausch verzerrt die Gedankenmuster von uns Menschen so sehr, dass keine telepathische Spezies des Universums mehr was damit anfangen kann. Wir sind schwach und das verhilft uns ausnahmsweise zu einem Vorteil gegenüber gewissen Pinselohren und anderen nervtötenden Besserwissern!
Meine weise katalanische Großmutter hatte recht: „Alles im Leben ist zu irgendetwas gut. Man weiß nur nicht gleich, wofür.“
Für meine speziellen Probleme wusste sie leider keinen Rat. Ich werde nämlich seit Jahren von Neidern als gemeiner Ideendieb denunziert! Die Kollegen sichern ihre Computer mit immer raffinierteren Passwörtern, sind in meinem Beisein äußerst reserviert, begnügen sich unter fadenscheinigen Vorwänden mit Limonade ... was für Geizkragen und Heuchler! Als wenn die nie irgendwas von anderen aufgeschnappt und verwurstet hätten! Schleimbolzen, hinterhältige! Ich bin einsam, mir fällt seit Monaten nichts mehr ein und in elf Tagen soll ich mein Manuskript abgeben! Vertrag ist Vertrag, sagt der alte Gabin immer. Das schaffe ich nie! Und dann bin ich weg vom Fenster. Womöglich endgültig.
Ich höre schon, wie sich meine Erzfeinde die Mäuler zerreißen: „Ah, der große Carlos Mansilla ist in der Krise! Der kriegt sein Buch nicht fertig und das ausgerechnet, wenn seine Frau auf Heyla ist. Ist das nicht äußerst merkwürdig?“
Gelly ist eine naive egoistische Kuh! Was blökt sie dauernd von geistigem Eigentum und ähnlichem Schwachsinn? Beim großen Apoll! Es gibt seit der Antike keine neuen Ideen mehr, nur noch das stilvolle Spiel mit vertrauten Mustern. Wir alle sammeln Eindrücke, biegen und schleifen sie ein bisschen ... sind wir deshalb gleich Betrüger?
Ich renne seit Stunden in meinem riesigen Arbeitszimmer auf und ab. Ich komme mir vor, wie eins dieser Zootiere ... wie aufgezogen. Gott! Die Brusthaare quellen wie Grizzlyfell aus dem Ausschnitt meines goldfarbenen Xanthapischlafrocks, seine Schöße wedeln wie Gänseflügel und enthüllen schamlos mein bestes Stück. Ach! Wen schert das? Wen geht es was an, wenn ich mittags noch nicht gewaschen und angezogen bin! Ich sehe genau richtig aus: malerisch wie ein Poet im Schöpfungsrausch ... wie jemand, den die Musen in Ekstase versetzt haben. Pah! Seit wann gelten die Regeln des Pöbels für ein Genie wie mich? Ich diene nur meiner heiligen Maschinerie zum Ernten, Ordnen und Verarbeiten von Eindrücken. Ich liebe ihr Zischen, Pfeifen und Rattern ... wenn sie denn was zu Fressen hat.
„Es kann eigentlich gar nicht sein, dass die kleine Gelly mir so viel bedeutet, dass ich ohne sie ...“ Ich lasse den Satz unvollendet im Raum hängen und bleibe in Denkerpose neben meinem prestigeträchtigen antiken Mahagonipult stehen. Es hat früher dem chilenischen Dichter Neruda gehört ... zumindest hat das mein Antiquitätenhändler behauptet. Ich aktiviere das auf der schrägen Platte deplatziert wirkende Aufnahmegerät.
„Morgennebel“, deklamiere ich und registriere nebenbei, wie versoffen meine Stimme klingt. „Galaktischer Nebel, Parfümnebel ... Duftattacke der Walrösser ... Quatsch ... Duftattacke der Seekühe ... äh Sirenen ... ich ... ich erliege dir, du grünblütige ... du staubige Wüstenkuh, Worte malmende Wüstenkuh, geizige Wüstenkuh mit Zähnen aus ... und Euter. Ach Shit! Was für ein sinnloser Müll! Das ist ja mit Abstand die schlimmste Schreibblockade meines Lebens!“
Ich begreife nicht sofort, woher diese schrillen Wutschreie kommen, wieso mein sauteurer Rekorder mit voller Wucht an die Wand klatscht und zu meinem maßlosen Entsetzen kurzerhand in seine Einzelteile zerfällt. „Ah! Ah! Du hässliches grünes Aas gönnst mir rein gar nichts! Komm endlich nach Hause! Antworte auf meine Nachrichten! Monatelange Klausur in der Wüste! Wo gibt es denn sowas? Du bist verheiratet! Mit mir!"
Als wenn so etwas auf eine kontrollierte, logikverliebte Heylanerin Eindruck machen würde! Und nun ist auch noch mein schöner Rekorder futsch! Na gut, klauben wir die Einzelteile vom Teppich, bevor die Putzfrau sich darüber wundern kann. Vielleicht finde ich wider Erwarten jemanden der mir das billig repariert. Was mache ich aber, wenn mich gerade jetzt die Muse küsst? Zu Stift und Papier greifen? Das Gekrakel kann doch hinterher niemand entziffern ... nicht einmal ich selbst!
Plötzlich überkommt mich ein zwanghaftes Kichern: „Hihi! Das ist eine geniale Idee! Ich lasse Doc Morgan, eine Eilbotschaft nach Heyla schicken: ‚Sofort heimkommen! Der große Carlos Mansilla liegt im Sterben.‘ Das klappt bestimmt! Meinem Lektor schmeiße ich bis dahin ein paar halbgare Brocken zu und sage ihm ... ach was, der kann warten. Schließlich bin ich ein gefeierter Hausautor.“
Ich befummele abwesend mein berühmtes Stehpult, dann hole ich eine staubige Flasche aus dem Wandschrank und gieße mir ein Glas Cognac ein. Ich brauche das Zeug ganz dringend, um mich zu beruhigen.
„Wenn Gelly kommt,“ erkläre ich trotzig. „Wenn sie wieder da ist, sauge ich mir all ihren Hass und ihre Sehnsucht herunter ... heiße Wüsten, spitze Felsen und – nicht zu vergessen – ihre typisch heylanische Geilheit. Sowas mögen die Leute. Der Verlag wird's liebend gern fressen. Ein gescheiter Kerl darf kein dummes Luder sein.“ Das ist auch ein beliebter Wahlspruch meiner Oma.

Die Albatros, ein schrottreifer Billigraumer der Standardroute Heyla´Thur – Paris-Orly, hat soeben die Plutobahn überquert. In einer Stunde ist mein Frauchen bei mir. Vermutlich schläft sie gerade. Typisch Heylaner! Immer schön ruhig bleiben, alles griffbereit haben und keinen Moment zu früh aufstehen! Die tun so überlegen und organisiert! Das ist vielleicht widerlich! Aber hey! Ich habe endlich wieder mentalen Kontakt! Gelly pennt tatsächlich. Ich empfange ein diffuses Rauschen und dann ... sie träumt. Hurra! Futter für meine organische Festplatte! Faszinierend! Wenn auch nicht gerade schmeichelhaft ...
Gelly besteht seltsamerweise nur aus riesigen Augen, haarigen Ohren, einer spitzen Nase, dem grünen Mund. Mehr sehe ich nicht. Ein vollständiges Abbild von mir liegt splitternackt in malerischer Pose im Treppenhaus unserer Pariser Wohnung. Es schläft fest und sie glotzt es irgendwie hungrig an. Sicher bewundert sie meinen liebevoll getrimmten Waschbrettbauch und vor allem meinen prächtigen Lümmel. Plötzlich spüren wir beide, dass sich schräg hinter ihr etwas regt. Die Augen wirbeln hastig herum: Der Deckel des Müllschluckers hebt sich ganz langsam. Mehrere rosige, mit Saugnäpfen versehene Tentakel kriechen darunter hervor. Brrr! Was für ein ekliges Zeug! Gelly beobachtet mit krankhafter Neugier, wie die Fangarme sich witternd aufrichten und mit widerwärtigen Schlängelbewegungen meinem reglosen Körper nähern. Als sie ihn berühren, wacht mein anderes Ich schreiend auf und beginnt ungeschickt um sich zu schlagen. Es nützt rein gar nichts. Innerhalb von Sekunden liegt da nur noch ein wohl verschnürtes zuckendes Bündel. Als sich ein wurmförmiger, besonders dicker Fortsatz des Abfallmonsters energisch in seinen weit offenen Mund zwängt, wird es abrupt still. Mein allseits bekannter Charakterkopf färbt sich scheußlich violett, die glutvollen spanischen Augen hängen aus den Höhlen, sorgfältig manikürte Finger greifen verzweifelt ins Leere ... in wenigen Minuten ist es vorbei. Gelly schaut reglos zu, wie das Ungeheuer meine Leiche zum Müllschlucker schleift und mit verblüffender Geschicklichkeit durch den Spalt zwischen Schacht und Deckel bugsiert. Endlich verschwindet der letzte rosige Saugnapf und die Abdeckung klappt mit einem lauten Knall herunter. Sämtliche Lampen im Korridor erlöschen. Oder ... nur die frei schwebenden Augen sind weg! Da wabern im Halbdunkel noch ein Paar durchsichtige Pinselohren und eine spitze Nase. Ich höre den Wind leise heulen und ich rieche ... etwas Fremdes, Herbes ... ein heylanischer Mann? Das fehlt mir gerade noch!

Da kommen ja endlich die Shuttles von der Albatros! Ich wedele pflichtgemäß mit einem riesigen Begrüßungsstrauß, versuche mein kleines Frauchen zärtlich zu küssen.
„Du hast mich belogen!" faucht Gelly erbost. „Du bist gar nicht krank."
„Ich bekenne mich schuldig", säusele ich so gefühlsduselig wie möglich. „Die Sehnsucht nach dir hat mich überwältigt."
Gelly verzieht verächtlich den grünen Mund. „Lass das billige Geschwafel! Ich weiß doch, wann du dein Manuskript abgeben musst.“
„Ach du! Kleine! Denkst du immer noch, dass ich dich beraubt habe? Es ist doch ganz normal, dass Eheleute alles miteinander teilen! Meinetwegen kannst du auch einige ganz tolle Ideen von mir haben und ...“ Ich taste vorsichtig nach ihren Gedanken aber da ist nichts! Nur eine glatt polierte Wand aus schwarzen Steinquadern und ein wolkenloser Himmel darüber. „Was ... was zum Teufel ist das? Was hast du mir angetan? Gelly!“
„Nenn mich nie wieder mit diesem albernen Kosenamen!“ antwortet sie steif. „Ich bin nicht mehr deine kleine Gelly und vor allem nicht dein Selbstbedienungsladen.“
Plötzlich ist mir speiübel vor Wut und Hass. „Du!“ zische ich eiskalt. „Was meinst du, warum ich dich geheiratet habe? Wegen deiner glitschigen grünen Zunge etwa?“
„Schade, dass du nicht wirklich im Müll gelandet bist!“ kontert sie spitz. 

Ich hocke im ‚Goldenen Affen‘ vor einem Teller gedünsteter Muscheln und verfluche halblaut den heylanischen Scharlatan, der meiner Frau geholfen hat, mich auszusperren. „Sowas müsste glatt verboten werden! Der Mistkerl mischt sich in meine Ehe ein, hetzt meine Gelly auf und jagt mich in den Ruin! Wer soll jetzt die Familie ernähren? Diese grünblütige Wüstenkuh etwa? Die bringt doch rein gar nichts zustande. Soviel zur begnadeten Lyrikerin!“
Ein schrilles Auflachen in meinem Geist sorgt dafür, dass mir die Gabel aus der Hand rutscht und klirrend auf den Teller fällt. Erst jetzt merke ich, dass mich sämtliche Kellner und Gäste irritiert anstarren. Sogar der speckige Koch schiebt seinen Kopf neugierig aus der Durchreiche. Einen Moment bin ich so durcheinander, dass ich die Wut meiner Frau problemlos verstehen kann. Wenn jemand wagen würde, mir sowas anzutun ...
„Gib es auf“, antwortet eine giftige mentale Stimme auf meine Gedanken. „Du bist nur ein erbärmlicher Gedankendieb! Du hast noch nie in deinem Leben etwas Eigenes geschaffen. Du weißt gar nicht, wie man das macht.“
Die hinterhältige Wüstenhexe kann weiter in meinem Schädel herumstochern und ich stehe wie der allerletzte Trottel vor ihrer beknackten Wand! Die weidet sich an meinen vergeblichen Schreibversuchen! Das ist so demütigend! Zum Glück ist es einfach die Schnecke loszuwerden: „Kellner! Bitte einen doppelten Cognac!“
Wenig später sind meine Gedanken weich und breiig, beruhigend langsam und mit einem diffusen Rauschen verquirlt. Die mentale Präsenz meiner Frau ist spurlos verschwunden, was mich mit irrationalem Triumph erfüllt. Plötzlich überläuft es mich siedendheiß. „Ver ... verdammt. Ich mmmmuss ... ich komme zu spät ... Maurice wartet. Kkkellner! Einen Mmmokka bbbitte!“
Als ich das Verlagsgebäude betrete, ist mein Verstand zwar immer noch isoliert, dickflüssig und träge, aber das Koffein hilft mir, meinen desolaten Zustand halbwegs zu verbergen. „Wie erkläre ich, weshalb ich in einem ganzen Jahr nur ein einziges Gedicht geschrieben habe? Gott! Wenn ich mich verquatsche!“ Natürlich siegt der Alkohol über das Koffein und ich verplappere mich tatsächlich.
„Habe ich Sie richtig verstanden?“ fragt der Lektor Maurice Seurat außer sich. „Weltstaub stammt in Wirklichkeit von Ihrer Frau?“
„Das stimmt doch gar nicht!“ protestiere ich zutiefst gekränkt. „Ich habe nur ein paar Gedankenfetzen von ihr verarbeitet. Ich musste alles noch in die richtige Form biegen, schleifen, polieren ... ich habe wochenlang Synonymwörterbücher und Datenbanken gewälzt. Ich habe wie ein Vieh gerackert! Weltstaub ist mein Buch!“
„Ihre Frau war eine viel versprechende Debütantin. Meinen Sie nicht, dass sie das auch selbst hingekriegt hätte? Und womöglich besser als Sie ...“
„Ich ... äh ...“
Der Lektor beäugt mich wie ein seltenes, besonders unappetitliches Insekt. „Ich habe schon früher Gerüchte über Sie gehört, böse Gerüchte von Aufnahmegeräten bei Saufgelagen mit jungen Autoren. Und dass Sie einen Hacker dafür bezahlen, dass er die Computer der Konkurrenz anzapft. Ich habe das alles nie geglaubt. Aber nun, wo Sie es selbst zugeben ... die sauberste Lösung wäre, sofort die Staatsanwaltschaft und die Öffentlichkeit zu informieren aber das darf ich nicht allein entscheiden.“
„Der alte Gabin?“ frage ich alarmiert.
„Ja, warten Sie bitte!“ Damit rennt Seurat wie gehetzt aus seinem Büro. Er ist froh, dass er das Problem los ist.

Der bullige Chef des Hauses ist ein berüchtigter Choleriker, der weder auf subtile Befindlichkeiten noch auf den Narzissmus seiner Autoren Rücksicht nimmt. Wenn er richtig in Wut gerät, färbt sich sein Gesicht karminrot, er hämmert wie ein Irrer mit den Fäusten auf den Schreibtisch und es kann sogar passieren, dass Datenträger, Belegexemplare und kleine Blumentöpfe haarscharf am Ohr des Delinquenten vorbeisausen, gegen die Wand krachen und stückweise zu Boden fallen. Okay, manchmal trifft er aus Versehen auch etwas anderes als die Wand. Natürlich beschwert sich niemand. Schließlich hat der Verlag einen sehr guten Ruf und die Honorare liegen weit über dem Durchschnitt.
„Sie dämlicher Klaubruder!“ brüllt Gabin, als ich mich wie eine Natter in sein Büro schlängele. „Sowas hat mir gerade noch gefehlt! Ein Möchtegernpoet, der mir massenweise Urheberrechtsprozesse einbrockt! Ein Niemand mit einem Ego, das so fett wie der Mount Everest ist! Warum sind Sie eigentlich nicht Politiker geworden? Aber nein! Sie versteifen sich ausgerechnet auf etwas, wofür Sie null Talent haben! Was fange ich jetzt mit Ihnen an? Wissen Sie überhaupt, was mich der ganze Unfug kosten kann?“
„Nnein ...“ Jetzt heißt es Demut heucheln. „Ich ... ich habe Ihnen nie Ärger gemacht ...“
Gabins Trommelsolo verstummt abrupt. Er sieht mich scheel aus blutunterlaufenen Augen an. „Das stimmt“, bestätigt er unerwartet ruhig. „Sie haben immer pünktlich geliefert und niemand konnte Ihnen je etwas nachweisen. Glauben Sie, dass ihre Frau vor Gericht gehen wird? Hat sie überhaupt Beweise in der Hand?“
„Nein, nur ein heylanischer Gedankenmeister könnte eventuell ...“
„Das heißt, dass wir Weltstaub gar nicht vom Markt nehmen müssen und wahrscheinlich können wir sogar Ihr nächstes Buch ... die Vorankündigung ist längst raus, da wäre es verdammt blamabel ... nein, ein Rückzug kommt nicht in Frage.“
Auf einmal ist der gefürchtete Gabin nur noch ein kühl rechnender Geschäftsmann. Ich habe inzwischen den Verdacht, dass die meisten seiner Wutausbrüche wohl kalkulierter Theaterdonner sind. Der hat es nötig, den Moralapostel zu spielen! Am besten lasse ich ihn spüren, dass ich ihn durchschaut habe.
„Gelly kann nicht ewig mit einer Mauer im Kopf herumlaufen“, erkläre ich entspannt. „Sie ist jung und unerfahren. Bestimmt lässt sie sich wieder von mir einwickeln. Jede Frau liebt Süßholz und wenn ich noch ein bisschen Hand anlege ... Monsieur Gabin! Geben Sie mir ein wenig Zeit und Sie kriegen Ihr Manuskript. Großes Ehrenwort!“
Der Mann hinter dem Schreibtisch fixiert mich kalt. Wahrscheinlich missfällt ihm mein familiärer Ton. „Behalten Sie Ihre Sauereien für sich!“, poltert er. „Ich brauche nur eine klare Zusage und einen verbindlichen Liefertermin. Wenn Sie das nicht hinkriegen, können Sie sich gleich einen neuen Verlag suchen.“
„Aber wie soll ich ...“ protestiere ich erschrocken. Ich habe den Choleriker unterschätzt: Der ist ja noch gefährlicher, wenn er nicht wütend ist!
„Mansilla, Sie waren doch bisher ziemlich clever! Ich habe gehört, dass manche Heylaner Drogen nehmen, um ihre famosen Gedankenmeister vergessen und beim Sex ordentlich die Sau herauslassen zu können. Bestimmt hilft das auch gegen diese Mauer. Vielleicht weiß Ihr Hausarzt Näheres."
„Sie meinen, der kann mir das Zeug besorgen?“
„Ich meine gar nichts“, kontert Gabin staubtrocken. „Ich will Ihr Manuskript in acht Wochen auf dem Tisch haben. Wie Sie das anstellen, ist Ihre Sache.“
„Wenn ich mich wieder voll dröhne, bis ... Doc Morgan kann das Präparat vermutlich problemlos bestellen ..." überlege ich. „Gelly wird nicht mitkriegen, was ich plane und wenn die Scheißmauer erst weg ist, nehme ich alles, was ich kriegen kann. Das reicht für mehr als ein Buch! Und falls die Kuh auf die bescheuerte Idee kommt, unsere Bindung trennen zu lassen? Dazu braucht sie einen heylanischen Mentaltechniker und obendrein den Segen ihrer Clanmutter ... das wagt sie nie."
Laut sage ich zu dem alten Berserker: „Einverstanden! Ich halte den Termin."
„Gabin knallt eine eckige Whiskyflasche und zwei Gläser auf den Tisch und lächelt dünn. „Auf weitere gute Zusammenarbeit, Mansilla!“
„Auf gute Zusammenarbeit, Monsieur Gabin!“ Die Grobheit des Chefs schmeckt wie bittere Medizin ... aber was solls?

Meine Gelly lehnt wie ein Schluck Wasser am offenen Fenster, schaut hinauf zu dem vollen Mond über dem funkelnden Lichtermeer und atmet schwer. Sie sieht aus, als wäre ihr meine präparierte Paella nicht bekommen. Das ist gar nicht gut! Ich muss sie ablenken, trösten ... und vor allem inspirieren.
Ich schleiche mich lautlos von hinten an. „Der Frühling und die Stadt der Liebe ...“ wispere ich verführerisch. „Ein Silbermond spiegelt sich in der Seine. Ist das nicht romantisch? Wollen wir einen Spaziergang machen?“
„Nein“, antwortet Gelly und wischt einfach meine Hände von ihren Brüsten. „Ich gehe ins Bett. Deine Paella ... vermutlich war der Tintenfisch schon zu lange tot. Und dein süßliches After shave macht alles noch schlimmer.“
„Du Arme! Ich komme natürlich mit.“ Jetzt gestattet Gelly, dass ich sie streichele und sanft ins Schlafzimmer bugsiere. „Brauchst du einen Arzt?“ frage ich besorgt.
„Nein. Bring mir einen Eimer!“
„Ja klar!“
„Sowas schlucken die Heylaner freiwillig?" sinniere ich, während ich mechanisch die Hand meiner schlafenden Frau streichele. Ihr Erbrochenes riecht eigenartig. Plötzlich ekele ich mich vor ihren blassgrünen Lippen und Brustwarzen, den weichen Haarbüscheln an den spitz zulaufenden Ohren ... und ihr Körpergeruch ... nun ja, anfangs fand ich Gellys Interesse echt schmeichelhaft aber ... sie war verrückt nach alter spanischer Lyrik, vor allem der von Federico García Lorca und da ich auch ein spanischer Poet bin ... und selbstredend war sie wie alle jungen Mädchen von meinem weltmännischen Charme hingerissen ... und natürlich auch von meinem strahlenden Ruhm.
Ganz am Anfang haben wir wie Zwillinge alles geteilt: Eindrücke, Gedanken, Visionen, Träume. Noch nie bin ich so leicht an gutes Rohmaterial gekommen!  Wir hatten zusammen eine wunderschöne Zeit! Und nun? Ich hätte nie gedacht, dass die kleine Gelly so kalt und egoistisch sein kann! Warum schenkt sie mir ihre Einfälle nicht? Das wäre ein Liebesbeweis! Statt dessen ... Gabin und Doc Morgan sind Vollidioten! Seit die Bindung weg ist, komme ich gar nicht mehr bei ihr rein. Ich darf nur die Kotze wegschaffen." Plötzlich entdecke ich in dem stinkenden Brei bläuliche Schlieren. „Das Pülverchen ... sie hat nur einen Bruchteil der Dosis verdaut. Unsere Bindung ist womöglich nur geschwächt und wenn ich ..."
Kurz entschlossen nehme ich den Kopf meiner Frau in beide Hände, konzentriere mich wie nie zuvor in meinem Leben: Gelly träumt von Heyla. Die endlose Wüste flimmert unter einer riesigen blauen Sonne. Hoch am grünen Himmel kreisen zwei durchsichtige Vögel. Ich höre sie laut schreien. Ab und zu blitzen ihre glänzenden Schwingen im schrägen Nachmittagslicht auf. Plötzlich erscheint aus dem Nichts ein großer schwarzer Mann in einem seidigen weißen Mantel. Ein Heylaner, der so stark und makellos aussieht, dass mir der blanke Sexualneid wie ein Schwall ätzender Säure in die Kehle schießt. Ich erkenne seinen Geruch sofort. Das ist bestimmt mein Intimfeind! Der Gedankenmeister, bei dem sie das ganze Jahr ...
„Kah´Gelah! Wach auf!“ Die Stimme des Unbekannten klingt kühl und dunkel zugleich. „Ein Dieb hat soeben die Mauer überwunden!“

Kah´Gelahs riesige weit offene Augen glühen unheimlich. Ich fühle mich wie die sprichwörtliche Maus vor der Schlange, überlege hektisch, wie viel sie mir im Ernstfall nachweisen könnte und dann ...
Die Mauer ist wieder da, abweisender und höher als vorher. Jäh züngeln auf ihrer Krone gleißend blaue Elmsfeuer. Glutfetzen lösen sich und schießen auf mich zu. Ich kann die heylanischen Hexe nicht mehr sehen, aber ich weiß, dass ihre heiße Wut ... wie konnte ich nur mit so einer Furie ins Bett kriechen?
Winzige blaue Dolche bahnen sich einen Weg durch mein empfindliches Fleisch, arbeiten sich quälend langsam in meinem Hals empor ... beginnen, in meinem Kopf zu einer schrillen Musik zu tanzen. Als Letztes spüre ich, wie sie meine heilige Maschine zum Sammeln und Verarbeiten von Eindrücken zerkratzen, zerbeulen, kaputtschneiden ... jetzt ist sie nur noch Schrott. Dann zerbröselt die Welt ... Angst, Schmerz, Verlust ... ein wattiger Nebel aus gedämpften Schreien ... und ... nichts mehr ... gar nichts.

Ich ... ich ... ich ... alles ist weich und hell ... mein feiner rosa Anzug ... der Gummibund der Hose ... da, ein rundes Fenster ... dahinter Augen ... große böse Augen starren mich an! Kalte Augen ... ich ... Angst! Ich will sie weg ... krieche zur weichen Wand ... verstecke mein Gesicht ...
Plötzlich piept und rattert etwas in meinem Kopf ... ein seltsames zerbeultes rostiges Ding. Es frisst das Licht, die Polster, das Bullauge mit den bösen Hexenaugen ... die klebrige Landschaft unter meiner rosa Hose und ihren interessanten Geruch ... dann kreischt es und spuckt alles wieder aus ... wie ich Mamis Spinatbrei.
Ich muss oben und unten weinen, weil mein Spielzeug kaputt ist ... ganz lange weinen ... ich bin ... mein rosa Anzug ist überall nass und ... da ist ein Lied ... ich singe es begeistert mit: „Ringel Ringel Reihen! Wir sind der Kinder Dreien. Wir sitzen unterm Hollerbusch und rufen alle husch husch husch ...“
Ich ... keine Angst mehr ... muss hüpfen und laut schreien: „Hihihi! Carlito ist groß! Carlito hat ein Lied erfunden! Hihihi! Carlito ist ein großer Liedererfinder!“
Endlich sind die Hexenaugen hinter dem runden Fenster fort. Ich bin allein und sehr nass. „Ääääh! Mami! Mami! Ich friere! Ääääh!“


Welt ohne Nacht

(SF-Kurzgeschichte, 2004)

„Bitte, Urahne!“ quengelten die nackten, schmutzigen Kinder mit ihren dünnen, unfertigen Stimmen. „Bitte! Erzähl uns noch einmal von der großen Stadt!“
Die alte Aorai ließ sich gemächlich auf dem Betonfußboden nieder und drapierte ihre fleckige Tunika sorgfältig um ihre weiß gesprenkelten, schuppigen Hinterklauen. „Die Stadt befindet sich direkt über uns. Sie hat prächtige Kuppeln, breite Gleitbahnen, Spieltröge für die Kinder, Gärten.“
„Was sind Spieltröge?“ unterbrach sie ein kleiner Junge mit einem winzigen Höcker auf der Stirn neugierig.
„Das sind große Becken, die mit feinem, gelbem Sand gefüllt sind. Da gibt es Klettergerüste, Schaukeln, Springbrunnen, Regentrommeln, Windharfen ..."
„Was ist ein Springbrunnen? Eine Wasserleitung, die auf und ab hüpft?"
„Vielleicht“, murmelte die Alte unsicher. „Ich habe noch nie einen gesehen.“
„Und wozu braucht man den Sand?“
„Weiß ich auch nicht, Kinder, angeblich zum Spielen.“
„Erzähl weiter!“ forderte ein zierliches Mädchen mit starren gelben Augen. „Erzähl uns vom Himmel ...“
„Da ist ein riesiges Gewölbe über der Stadt", zischelte die Aorai zögernd. „Manchmal soll es gelb und hell sein ... manchmal schwarz, mit glänzenden Punkten. Ich hörte auch von einem heißen leuchtenden Ball, flauschigen Polstern, aus denen ab und zu frisches Wasser tropft ..."
„Und die Luft streichelt einen sanft", flüsterten die Kinder im Chor. „Sie bringt den süßen Duft der Farnblüten."
„Urahne, warum gehen wir nicht einfach rauf und spielen?“ fragte das kleinste Kind sehnsüchtig. „Hier ist es so eng und so langweilig!“
„Ich weiß nicht. Die Oberen haben es schon vor langer Zeit verboten.“
„Vielleicht ist das alles auch nur ein Märchen“, konterte ein fast erwachsenes Mädchen aufsässig. „Es gibt nur diese Höhlen ... es hat nie etwas anderes gegeben.“
„Meine Mutter hat mehrmals behauptet, dass man da draußen nicht mehr leben kann. Irgendetwas ist passiert ... ein Unglück“, widersprach die alte Frau.
„Du hast recht“, bestätigte ein kräftiger Mann mit protzig steifem Stirnfühler und prächtig schillernden Schuppen sachlich. „Da draußen ist es inzwischen so heiß geworden, dass ihr auf der Stelle verbrennen würdet.“
„Wieso, ehrwürdiger Lehrmeister?“
„Die ganze Welt wird immer kleiner und blauer. Alles rückt zusammen ... auch die Sternenfeuer. In einer Milliarde Zyklen wird nur noch ein winziger, heißer Punkt übrig sein.“
„Woher weißt du das so genau?“
„Es arbeiten immer noch einzelne Messstellen in der Stadt.“
„Also gibt es sie wirklich.“
„Ja, mein Junge, aber sie ist für immer verloren.“
„Schade“, wisperten die Kinder traurig.


* * *

„Ich mag heute nicht, Kanor“, zischte die grünschuppige Frau ihren dunkleren Gefährten gereizt an. „Es ist absurd, dass du deinen Samenfühler schon wieder in meine Eikammer stecken willst. Da ist doch gar nichts mehr drin! Such dir für deine letzten Pollen besser ein fruchtbares, duftendes Tor.“
„Du verstößt mich einfach, Irisa?“ grollte der Mann gekränkt und die pralle Ausbuchtung auf seiner Stirn wippte aggressiv auf und ab. „Nach zweihundert gemeinsamen Zyklen magst du meinen Fühler plötzlich nicht mehr? Womit habe ich das verdient?“
„Mit gar nichts“, konterte die Frau spitz. „Das alles ist nur so sinnlos ...“
„Du hättest besser auf mich hören und dich nicht völlig ausräumen lassen sollen!“ murrte Kanor verbittert. „Dann könnte deine Höhle immer noch singen und deine Eier ...“
„Was ist mit denen? Gibt es nicht schon genug von diesen armseligen Bunkerlarven? Das ist doch kein Leben: Betonwände, ein paar flackernde Leuchtröhren ... überall schuffeln sich die Erwachsenen die Seele aus dem Leib. Und dann dieser eklige Nahrungsbrei, den die Maschine aus allem, was so anfällt, fabriziert! Die Luft stinkt und das Wasser schmeckt nach dem, was bei uns unten herausläuft. Nein, ich bin doch keine Mauerschlange, die ihre Eier einfach im Sand verscharrt und, ohne zurückzuschauen, davonkriecht. Wenn ich schon ein Nest baue, dann möchte ich auch, dass meine Nachkommen eine Zukunft haben! Du weißt so gut wie ich, dass das endgültig vorbei ist."
„Es dauert doch noch mindestens zweitausend Zyklen, bis die Hitze uns hier unten erreicht", protestierte der Mann verärgert. „Wenn du nur nicht so voreilig gewesen wärst! Ich hätte noch die Kinder meiner Kinder kennen lernen können!"
„Und zusehen, wie sie hier unten elend krepieren!"
„Die Kraftfelder und Recyclinganlagen funktionieren doch tadellos. Sie werden uns bis zum Schluss beschützen.“
„Du und deine verdammte Technik! Immer willst du alles regeln oder reparieren! Aber diesmal funktioniert das nicht. Unser Universum ist gerade dabei, sich selbst zu verschlingen. Du kannst nirgendwo hin!“
„Du aber auch nicht ..." murrte Kanor verdrossen. „Und ich sehe nicht ein, dass ich nicht noch ein bisschen herumschuffeln soll, bevor mein Samenfühler endgültig vertrocknet und abfällt. Es ist doch das Einzige, was mir bleibt."
„Es gibt noch einen anderen Weg“, erklärte Irisa still. „Ich bin zwar bis jetzt nicht bereit dafür ... habe noch zu große Angst vor den Schmerzen.“
„Du warst wieder bei diesem alten archaischen Feueranbeter!" empörte sich der Mann. „Seine Stirn ist schon lange kahl und sein Geist völlig verwirrt. Sag bitte nicht, dass du hinauf in die Stadt willst, und ..."
„Der Natur ihren Lauf lassen", vollendete die Frau würdevoll den Satz. „Ich bin eine aufrecht gehende Aorai und kein hirnloser Sandwurm! Ich will dieses erbärmliche, geborgte Leben nicht mehr."
„Du könntest Gift nehmen oder dir die Blutbahnen zerschneiden", schlug Kanor ernsthaft vor. „Da würde ich sogar mitmachen. Wir sollten uns noch einmal aneinander reiben, bis alle Torschuppen lodern und singen, gemeinsam in Ekstase verlöschen und am Morgen danach Cebrax schlucken. Ich habe seit vielen Zyklen für den Ernstfall ..."
„Nein, wenn mir das heilige Feuer des Kosmos bestimmt ist, will ich auch hinausgehen und brennen!" widersprach die Frau ruhig. „Alles andere wäre feige und widernatürlich."
„Priestergewäsch! Dieser verfluchte Kahlkopf!“
„Er verspricht Reinigung und Freiheit, Licht und Ewigkeit“, murmelte Irisa verträumt. „Die heiligen Priesterfürsten der Vorzeit tönen aus seinem Mund.“
„Unsinn! Was für eine Ewigkeit?“ zischte der Mann höhnisch. „Die Ewigkeit eines Schlackeklumpens! Die Ewigkeit der Ursuppe oder was?“
„Du hältst mich für besonders unvernünftig? Dein Kinderglaube an die Allmacht deines welkenden Samenfühlers ist doch noch viel unlogischer! Du passt wahrlich zu all den Jammergestalten hier unten! Entweder glotzen sie stumpfsinnig vor sich hin, schuffeln in aller Öffentlichkeit herum oder sie toben zugedröhnt durch die Gänge und vergeuden ihre kostbaren Fäkalien in finsteren Ecken. Wir waren einmal eine zivilisierte Spezies ...“
„Ach so, du nimmst mir auch noch das bisschen Effka übel? Bis jetzt habe ich damit noch niemandem geschadet.“
„Das sehe ich anders. Du kennst dann nämlich kein Maß mehr und das ist nicht gerade angenehm. Sogar meine Eikammer hat schon geblutet, so wild hast du darin herumgestochert. Ach, scher dich weg, Kanor! Ich bin schon lange mit allem fertig ... auch mit dir.“
„Ich kenne so eine zierliche Blauschuppige", konterte der Mann und fügte rachsüchtig hinzu: „Sie wird meinen schönen dicken Fühler schon mögen ... und dir wünsche ich Glück mit deinem verdrehten impotenten Extremisten!"


* * *

Der Versammlungsraum war eng und stickig. „Feuer zu Feuer, Licht zu Licht!“ sang der kahle Oberpriester hingebungsvoll. „Wir trotzen dem Schicksal nicht, wir verneigen uns demütig vor der heiligen Glut des Kosmos! Wir teilen das Los all der niederen Kreaturen unserer Welt! Wir verzichten auf Wasser und Brei aus den Ausscheidungen unserer Nächsten und schenken unseren Platz im Bunker den ungeborenen Kindern der Leichtfertigen. Mögen sie ihrem sinnlosen Pfad weiter folgen, während wir stolz ins Licht hinausgehen und ...“
Ein verzagtes Seufzen stieg von der Menge auf, ein angstvolles Wimmern, Ächzen und Stöhnen.
„Ja, wir werden uns lebendig verzehren lassen!“ kreischte der Priester in Ekstase. „Wir werden brennen, brennen, brennen!“ Ein paar verkrümmte Gestalten verdrückten sich unauffällig durch den Hintereingang. „Ungläubige! Narren! Feiglinge! Dröhnt euch doch mit Effka zu! Kopuliert weiter in aller Öffentlichkeit herum! Fresst wie bisher euren eigenen Dreck! Das heilige Feuer wird euch auch in euren Löchern finden und vertilgen!“
„Es gefällt ihm, seine Zuhörer zu erschrecken“, dachte Irisa irritiert. „Er ist eitel, grausam, machtgeil und nicht einmal besonders inspirierend ... worauf habe ich mich da eingelassen? Womöglich sollte ich schnellstens zurück zu Kanor ...“
„Ich habe von einem strahlenden Licht geträumt“, unterbrach ein weißgeschuppter Mann mit verdorrt herabhängendem Fühler ihre Gedanken. „Es war hell und sanft, schwebte hoch über der Stadt. Und als alles andere immer kleiner und kleiner wurde, verschlang es die ganze Welt. Es gab nur noch das Nichts und das Licht ...“
„Das ist eine ziemlich exakte Umschreibung dessen, was gerade mit unserem Kosmos passiert“, stellte Irisa trocken fest. „Du hast vermutlich im Schlaf nachvollzogen, was in der nächsten Milliarde Zyklen passieren wird.“
„Nein, wir selbst waren das Licht“, widersprach der alte Mann leise. „Glaub nicht diesem Priester, sondern mir, denn ich bin ein Wahrträumer.“
„Noch ein Verrückter“, murmelte die Frau zerstreut und ging zurück in ihre Kammer. Sie kam ihr merkwürdig groß und leer vor. Kanor war ausgezogen und hatte seine drei löcherigen Tuniken und alle übrigen Habseligkeiten mitgenommen.
„Nun bleibt mir nur noch der große Brand“, dachte Irisa.


* * *

Die Gläubigen hielten sich aneinander fest, während sie mühsam die steile Wendeltreppe aufwärts klommen, stolperten kraftlos hinaus in den Gluthauch der Stadt. Sie sah ganz anders aus, als erwartet: Die Bauten und Wege waren verwittert und verformt, glühten unheimlich und die hohe Kuppel ... ein Feuerball war nirgendwo zu sehen, aber das Himmelsgewölbe war mit riesigen blauen Flecken übersät, die alles in ein bleiches, gleichmäßiges Licht tauchten ... ein Licht, das von allen Seiten kam und keine Schatten zuließ. Von der berühmten Statue des unbekannten Raumfahrers rannen unaufhörlich große Tränen aus Kunstharz.
Irisa fühlte deutlich, wie die Strahlung ihre Schuppen perforierte und ihr Fleisch in eine phosphoreszierende, amorphe Masse verwandelte. Der Schmerz war grell und heiß ... öffnete sie vom Mund bis zur Ausscheidungsöffnung wie der glühende Zeremoniendolch eines Priesterfürsten der Vorzeit sein zappelndes Regenopfer. Plötzlich erfüllte der Klang imaginärer lederner Trommeln die Luft. Schatten längst verblichener Aorai schrien und zuckten, versengten im Rausch mit lodernden Fackeln ihre nackten, grell bemalten Bäuche. Der beißende Atem der Steinzeit wehte siegreich über den glühenden Platz. Die Frau sah sich mit letzter Kraft um, während sie sich an den Greifern ihrer Nachbarn festklammerte. Da krochen nach und nach hunderte von Männern, Frauen und Kindern aus den Luftschleusen. Ihre Gesichter verzerrten und schälten sich sofort, Tuniken und Schuppen flammten auf, Herzen dröhnten wie Geistertrommeln und sie schrien wild: „Nimm uns, du uralter Feuergott! Friss unsere Leiber! Ah! Ah! Ah!"
Irisa starb zu Füßen des im hellen, blauen Licht weinenden Denkmals aus glücklicheren Tagen. Alle starben. Der Oberpriester blieb mit weit offenem Mund liegen. Es sah aus, als würde er immer noch rufen: „Brennt! Brennt! Vereinigt euch mit dem Kosmos und brennt!"
Als die rötliche Sonne aufging, lagen überall verkrümmte, versengte Leichen herum. Der unermüdlich fauchende Wind bedeckte sie beinahe zärtlich mit Asche und Staub.


* * *

Irisa wusste nicht, wie lange sie geschlafen hatte ... wahrscheinlich sehr, sehr lange, denn die Stadt war inzwischen vollständig in Aors feuriger Kruste versunken. Die Schmelze hatte vermutlich die Bunkeranlagen in der Tiefe längst überschwemmt und verzehrt.
„Hoffentlich hat Kanor nicht leiden müssen“, dachte sie flüchtig. „Und auch all die anderen, vor allem die kleinen Kinder ... selbst das Mädchen mit den blauen Schuppen. Eigentlich tun sie mir alle Leid.“
Die Frau spürte neben sich eine ungewöhnlich kraftvolle Zusammenballung mentaler Energie. „Ich bin der Wahrträumer“, flüsterte es in ihr. „Wir haben zwar keine Körper mehr, aber wir sind immer noch da. Wir sind die einzigen Fühlenden des sterbenden Kosmos.“
„Wir? Wir beide? Wir sind die Einzigen? Das klingt schauerlich!“
„Nein, Irisa, die meisten Seelen jener stolzen Aorai, die freiwillig die Bunker verlassen haben, existieren immer noch. Der alte Feuerpriester hat es allerdings nicht geschafft. Dieser perverse Narr hat sich an seiner Macht und den Ängsten seiner Gläubigen geweidet, statt sie väterlich zu leiten. Seine Seele war viel zu kaputt und schwach. Sie hat sich im Sternenfeuer aufgelöst.“
„Und Kanor?“
„Er ging verloren ... so wie alle, die da unten zurückgeblieben sind.“
„Was machen wir jetzt? Abwarten und zusehen, wie alles zusammenstürzt?“
„Warum nicht?“ antwortete der Wahrträumer sachlich. „Wir sind tot, wir können also nicht mehr sterben. Andererseits ist es eine große Gnade, dabei sein zu dürfen, wenn ein ganzes Universum zur Singularität wird. Als ich jung war, habe ich mich viel mit Kosmologie beschäftigt ...“
„Was sagst du? Du findest es interessant, dass ...“
„Versteh doch! Ich habe alle Zeit der Welt, ungefähr eine Milliarde Zyklen, um die faszinierenden Theorien der alten Lehrer zu überprüfen. Was für eine einmalige Gelegenheit!"
„Für mich und die meisten anderen Aorai wird es eher einsam und langweilig werden“, entgegnete die Frau traurig. „Wir sind leider nicht alle so intellektuell ...“
„Ich teile gern mein Wissen mit euch“, unterbrach sie der Wahrträumer eifrig. „Ihr könnt mit mir zusammen denken, wachsen, weit in die Zukunft schauen und das Unmögliche hoffen. Wenn wir zu einem einzigen Geist verschmelzen, werden wir unglaublich stark und reich sein ... vielleicht können wir sogar etwas bewirken.“
„Ja“, flüsterte Irisa wie in Trance. „Unsere Existenz wäre sinnvoll ... zum allerersten Mal wäre es wichtig, dass es uns gibt!“
„Dann werde ich jetzt die anderen rufen.“
Der körperlose Geist des alten Träumers öffnete sich ganz und gar und nahm seine Gefährten fürsorglich auf. Der sterbende Kosmos hatte nun eine Seele.


* * *

Das All ist in sich zusammengestürzt. Es gibt nur noch eine winzige Knospe, kleiner als ein Atom ... eine Keimzelle, aus der praktisch alles werden könnte.
Aber diesmal ist es anders als sonst, denn der Geist der Aorai ruht in ihr verborgen ... denkt, fühlt und träumt.
Die Knospe öffnet sich zur rechten Zeit. Auf wundersame Weise entsteht ein Ungleichgewicht zwischen Materie und Antimaterie. Der neue Kosmos kann wieder Galaxien bilden, Sterne, Planeten, Leben ...
„Wir verwandeln noch etwas Materie in Licht, dann wird dieses Universum niemals schrumpfen“, denkt der Eine, der eigentlich viele ist, gütig. „Unsere Träume zeigen uns aufrecht gehende Gestalten ... intelligente Lebewesen mit empfindlicher Haut und zerbrechlicher Seele ... Menschen. Ihre Städte sind schön, so schön, wie es unsere einst waren. Wir möchten, dass es ihnen besser als uns ergeht.“

© Anneliese Wipperling
(Diese Geschichte schaffte es in die Top 10 des Storywettbewerbs "Neues aus anderen Welten" von www.storyline-net.de)



Hilfe, meine Tochter hat ein Alien geheiratet!

(Kurzgeschichte, 2002)

Michelle muss vollkommen verrückt sein! Ein bisschen gesponnen hat sie ja schon immer ... sie hat leider diese Star Wars- und Obi-Wan-Macke, träumt von Jedi-Rittern mit Lichtschwertern! Natürlich ist sie sich viel zu fein für ganz normale französische Männer. „Nein, Mama, ich will diesen Beamten vom städtischen Wasserwerk nicht ... und auch nicht den Lehrer. Nein, Mama, ich liebe keinen von beiden ..."
Und dann fiel ihr auf einmal eine ganz neue Marotte ein: Heylanische Philosophie! Als wenn eine hübsche Frau so was braucht!
Wenn es nach mir gegangen wäre ... Paul hätte mir als Schwiegersohn schon gefallen. Er grüßt immer so nett, sieht tadellos gepflegt aus ... und er wird irgendwann das entzückende kleine Bistro am Markt erben. Michelle hätte es so gut gehabt! Immer genug Krediteinheiten!
Ich weiß doch, was es heißt mit einem schlecht bezahlten Bibliothekar verheiraten zu sein, der obendrein nur Sinn für seine Schmöker hat und seiner Tochter völlig überflüssige Schnapsideen in den Kopf setzt ... so was wie heylanische Philosophie!

Aber das war wohl eher dieser Professor Andal. Mit dem hat alles angefangen ... mit seiner heylanischen Philosophie und seinem kostenlosen Privatunterricht in Mentalkontrolle. Man müsste so was glatt verbieten: Außerirdische, die anständigen Menschen die gut bezahlten Professorenstellen vor der Nase wegschnappen und den Studenten irgendwelchen Müll eintrichtern. Meine Michelle hat nur noch Flausen im Kopf, seit sie diesen Andal kennt. Sie wollte sogar in den Ferien nach Heyla, als wenn jemals einer aus unserer Familie sich so eine teure Reise geleistet hätte! Ich habe gesagt, dass bei dem mickrigen Einkommen ihres VAaters so was nicht drin wäre und basta! Da hat sie den ganzen heylanische Philosophiequatsch wie eine Verrückte gebüffelt und leider ihre ersehnte Reise ins gelobte Land als Auszeichnung gekriegt.
„Nein!" habe ich sofort protestiert. „Das kommt überhaupt nicht infrage ... noch mehr Umgang mit diesen arroganten Pinselohren und sie wird uns nur noch für bescheuert halten! Für die ist doch die ganze Menschheit dumm und unterentwickelt ..." Aber nein, ihr lieber Papa musste es ihr erlauben und nun ...

Sie ist einfach mit so einem dürren, grünblütigen Kerl zur Erde zurückgekommen! Der hat sich doch glatt erdreistet, dem netten Paul zu verbieten, meiner Tochter Blumen zu schenken, weil meine kleine Michelle nun seine Gemahlin sei und es nicht richtig wäre, dass er sie immer noch sexuell begehrt! Er hat es einfach so ausgesprochen und der arme Paul ist knallrot geworden und mitsamt seinen Blumen geflüchtet.
Ich hätte den Kerl erwürgen können!
Ja, es tut mir Leid, ich habe den halben Raumhafen zusammengeschrien ... aber was sollte ich denn sonst machen? Meine einzige Tochter hat, ohne mich zu fragen ein Alien geheiratet! Natürlich habe ich dem verdammten Pinselohr den Mund verboten und von meiner Tochter verlangt, dass sie sich auf der Stelle scheiden lässt. Sie hat es einfach abgelehnt ... und außerdem behauptet, dass das wegen der mentalen Bindung überhaupt nicht möglich wäre. Verdammte Heylaner! Ich möchte bloß wissen, was sie an dem krakeligen Kerl findet? Er ist groß, knochig und obendrein auch noch schwarz wie die Nacht ... und dann diese Haare an den Ohren!
Ich bin bestimmt keine Rassistin, aber wenn Michelle schon unbedingt einen Außerirdischen nehmen muss ... muss der dann auch noch pechschwarz sein? Und dunkelgrüne Lippen haben ...A und eine grüne Zunge! Igitt! Von so etwas lässt sich meine süße blonde Tochter auch noch küssen! Das ist doch ausgesprochen eklig und völlig pervers! Ich möchte gar nicht wissen, was an dem Kerl noch alles grün aussieht ... und wahrscheinlich riesengroß ist.

Dabei hat Michelle sich jahrelang wie ein Püppchen Rührmichnichtan aufgeführt. Sie war so zickig, dass ich schon befürchtete, dass sie gar keinen Mann abkriegt. Nur deshalb habe ich mich doch für sie auf die Suche gemacht! Dieses ganze überempfindliche Getue hat so genervt ... und nun.
Nur eine echte Schlampe wirft sich schon nach wenigen Tagen einem wildfremden Kerl an den Hals ... und nur eine neugierige Oberschlampe tut es mit einem Außerirdischen ... lässt sich so ein grünes Ding überall hereinschieben und missachtet unsere netten französischen Männer.

Und alles hat mit dieser widerlichen heylanischen Philosophie angefangen! Man sollte so etwas gar nicht erst an unseren Universitäten lehren! Als wenn wir Menschen nicht unsere eigenen Philosophen hätten ... und nette Männer wie Paul! Dieser dürre, pinselohrige Neger sieht wie ein richtiger Hungerleider aus, da wird sich Michelle ihre schicke Kosmetik und das alles abschminken können ... von mir kriegt sie jedenfalls nichts mehr! Ich möchte nur wissen, in welchem Kaff sie den Kerl aufgelesen hat. Wie der mich angesehen hat, als ich von Michelle verlangt habe, dass sie sich scheiden lässt! Seine schwarzen Augen haben auf einmal richtig geglüht ... nach heylanischem Umahaij sah das nicht gerade aus!
Und mein vertrottelter Mann meinte auch noch, dass ich hirnrissig wäre und er den Ehemann seiner Tochter sehr gern kennen lernen würde. Ich jedenfalls pfeife auf einen Schwiegersohn in seltsamen Klamotten, mit behaarten Ohren und eineAm riesengroßen grünen ...
Das Schlimmste war: Meine kleine Michelle ist einfach mit ihm weggegangen! „Ich bin nicht mehr eure Tochter! Wenn ihr meinen Ibor ablehnt, bin ich nicht mehr eure Tochter!" Danach ist ihr feiger Sack von Papa aufs Klo verschwunden und nicht wieder aufgetaucht ... es gab leider eine Hintertür. Wahrscheinlich besäuft er sich jetzt gerade irgendwo, während ich vor Wut Torte in mich hineinstopfe und am liebsten diese arroganten Heylaner mit Stumpf und Stiel ausrotten möchte! Wer braucht solche Affen schon, ihre dämliche Mentalkontrolle, ihr stinklangweiliges, hochtrabendes Getue oder gar ihre abartige Philosophie! Die Menschheit wäre ohne Heylaner viel besser dran!

Jetzt ist es schon ganze sieben Wochen her und meine Michelle ist tatsächlich nicht wieder nach Hause gekommen. Mein Mann ist neuerdings dauernd unterwegs ... und wenn er zu Hause ist, liest er irgendwelche unverständlichen Datenträger über irgendwelchen heylanischen Unsinn! Wie es aussieht, hat er sich mit dem Pinselohr arrangiert. Aber ich werde das nicht tun! Niemals! Und jetzt sitze ich unauffällig in der Mensa und versuche, meine Tochter allein abzupassen. Da kommt sie ja endlich ... und natürlich wieder mit ihrem Kerl! Wahrscheinlich studiert der auch hier, denke ich und sehe auf einmal, wie die Studenten ihn ehrfürchtig grüßen: „Guten Tag, Herr Professor Ibor!"
„Hätten Sie bitte einen Augenblick Zeit, Herr Professor!"
„Danke für die Zusatzliteratur, Professor Ibor!"
Hätte Michelle nicht gleich sagen können, was für ein großes Tier sie sich geangelt hat? Nun hat sie auch ausgesorgt, sogar viel besser als ich. Vielleicht sollte ich dem Schnösel doch verzeihen, dass er kein Mensch ist und womöglich irgendwann nach Heyla zurückkehrAt und mein armes Kind in die Wüste verschleppt ... obwohl ich natürlich immer noch nicht verstehe, was sie an dem grünblütigen Kerl findet.
Jetzt sieht er mich auch noch und will mich begrüßen, aber Michelle hält ihn fest. „Diese Frau ist nicht mehr meine Mutter", sagt sie ganz kalt. „Ich will mit dieser Rassistin nichts mehr zu tun haben!" Also, ich finde das ungerecht. Ich habe doch gar nichts gegen Heylaner, solange sie auf ihrem eigenen staubigen Planeten bleiben und unsere Mädchen in Ruhe lassen, sie nicht mit ihrer verdammten Philosophie einwickeln und ihrer eigenen Mutter entfremden ... und ihre gewissen grünen Körperteile ausschließlich in die passenden grünen Öffnungen ihrer eigenen Frauen stecken.

Aber halt! Wenn dieser Ibor Professor ist, wieso verlangt Michelle dann immer noch Taschengeld von uns? Ihr Pinselohr ist doch viel reicher als wir, da wird er doch für seine „Gemahlin" allein aufkommen können ... oder? Am besten, ich frage ihn gleich, aber nun verschwindet er leider mit schnellen Schritten durch eine Tür ... und Michelle zeigt mir einfach die kalte Schulter, sieht mich nicht einmal an! Am besten ich gehe heute Abend zu ihr in ihre Studentenbude und stelle sie zur Rede!

Ich hasse den Kerl! Nein, diesmal nicht das Pinselohr, sondern meinen verlogenen Ehemann. Ich habe es satt, mich ausnutzen und zum Narren halten zu lassen! Heute Abend bin ich zu Michelle gegangen, um sie zu fragen, ob sie was braucht, ob der verdammte Heylaner sie auch anständig behandelt ... und nicht etwa eine Gehirnwäsche mit ihr angestellt hat. Warum dieses geizige Pinselohr Geld von uns verlangt, obwohl es viel reicher ist als wir ... und warum es nicht wenigstens ihre Studentenbude bezahlt. Ich habe mich richtig in meine Wut reingesteigert und dann sehe ich den Briefkasten im Flur, an demA "Marcel Maras" steht!
„Wie kommt der Name meines Mannes an Michelles Tür?", denke ich noch ganz irritiert und dann kommt die Concierge aus ihrem Glaskasten und klärt mich genüsslich auf: „Die Frau Professor ist doch schon vor sieben Wochen ausgezogen ... in eine piekfeine Gegend übrigens ... nur Villen und Etagenwohnungen." Ich starre die Alte entgeistert an, frage, wer jetzt hier wohnt. „Ach, da ist Michelles Vater mit seiner jungen Frau eingezogen. Die Arme hat es nicht leicht. Er ist ja so viel unterwegs auf Geschäftsreise! Aber das Mädchen ist hübsch und nett ... und sehr ordentlich! Solche Mieter haben wir gern!"

Mein Gott war ich blöd! Deshalb war der Kerl so viel unterwegs! Mein findiger Ehemann steckt das Geld für die Miete und Michelles Taschengeld einfach in die eigene Tasche und finanziert davon sein Liebesnest!
Am liebsten würde ich ja Sturm klingeln und es der verdammten Schlampe richtig zeigen! Aber wenn ich mir so ein gertenschlankes, blondes, vollbusiges junges Ding vorstelle ... ich weiß doch, wie ich früher aussah und was meinem Marcel gefällt. Und jetzt bin ich alt ... und fett, weil ich so oft wütend bin, weil ich dann jedes Mal Hunger kriege, weil niemand auf mich hört, weil mich niemand richtig beachtet ... weil mein Schwerenöter von Ehemann sich einfach eine Geliebte zugelegt hat und meine versnobte kleine Tochter zu einem hochnäsigen, pinselohrigen Alien gezogen ist!
Die Schlampe hier wird mich ansehen, bemerken, dass in jeder Beziehung der Sonntag runter ist und nur über mich grinsen. Wenn mein Marcel sich wegen dieser Tussy scheiden lässt, sieht es schlecht für mich aus. Ich müsste womöglich wieder arbeiten gehen! Nach über zwanzig Jahren müsste ich wieder im Laden stehen! Es ist so ungerecht!

Vielleicht sollte ich mir von der alten Concierge doch die Adresse des vornehmen Professors geben lassen. Ich habe gehört, dass diese Heylaner sehr auf Familie stehen sollen und dass ihre ältesten Mütter enorm viel Macht haben. Vielleicht kann mein lieber Schwiegersohn meiner lieben kleinen Michelle erklären, wie wichtig es ist, die eigene Mutter zu respektieren ... ganz egal, ob sie ausnahmsweise einmal etwas Dummes gesagt hat oder nicht ... und vielleicht gibt er mir sogar regelmäßig ein wenig Geld und ich muss vielleicht doch nicht ...

© Anneliese Wipperling



Die Dämonen der Dichter

(Essay, 2005)

Auf den ersten Blick mag es scheinen, als hätten Künstler ein wundervolles Leben: ein leichtes angenehmes Tagwerk, eindrucksvolle Höhenflüge, fantastische Welten ... den erhebenden Rausch der Schöpfung. Ja, wenn wir Götter wären und über die dazu gehörende Riesenportion Unsterblichkeit, Macht und Arroganz verfügen würden ... ich nehme jetzt ein bisschen Erde und meine einmalige heilige Spucke, rühre das zu Brei und forme daraus irgendwas, sehe es scharf an, puste kurz darüber ... und schon kann ich mich an meinen Figuren erfreuen.Aber wir sind leider nur Menschen ... auf jeden Höhenflug folgt unausweichlich der Katzenjammer und was uns eben noch völlig makellos vorkam können wir im nächsten Augenblick nur noch mit tiefstem Misstrauen beäugen. „Bäh! Ob das überhaupt irgendjemanden interessieren wird? Das ist doch die pure Kacke! Das brauche ich gar nicht erst ins Web zu stellen und auch nicht bei einem Verlag anzuklopfen. Die lachen sich doch krumm und schief, wenn sie das lesen ...„Es gibt offenbar nicht nur hilfreiche - und manchmal ein wenig zickige - Musen, sondern auch höchst gefährliche Dämonen der Unterwelt, die uns mit aller Macht in den Wahnsinn treiben wollen. Gnadenlose Feinde, gegen die wir immer wieder aufs Neue kämpfen müssen, damit Kreativität überhaupt erst möglich wird. Nun, wer wenigstens ab und zu siegen will, muss seinen Gegner gründlich studieren.



1. Habe ich es überhaupt drauf?

Die Zusammenhänge zwischen den Fähigkeiten eines Künstlers und seinem Selbstbewusstsein sind kompliziert. Ich kenne erbärmliche Stümper, die auf die leiseste Kritik tief beleidigt reagieren, die nicht einmal ansatzweise begreifen können, dass es Leute gibt, die von ihren Werken nicht auf Anhieb rundherum begeistert sind ...A? und die sogar die maßlose Unverschämtheit besitzen, auf so genannte Mängel oder völlig irrelevante Chancen zur Weiterentwicklung hinzuweisen!
„Nein“, denken solche Zeitgenossen entrüstet. „Ich weiß genau, dass ich supertoll schreiben kann! Was bildet diese Frau sich eigentlich ein? Ganz neu in der Truppe und schon mitreden wollen! Mit so einer blöden Tussi will ich nichts mehr zu tun haben! Denkt die etwa in ihrem Größenwahn, dass sie mehr Ahnung als ich oder meine Freunde hat?“
Andererseits gibt es viel versprechende Talente, die ständig an ihren Fähigkeiten zweifeln und auf völlig unlogische Weise immer wieder auf Bestätigung lauern, obwohl sie das längst nicht mehr nötig haben. Wahrscheinlich hängt diese lähmende Unsicherheit eher mit dem Charakter, der Intelligenz, der Biografie und dem gesamten sozialen Umfeld des Autors als mit seiner Begabung zusammen. Auch mag ein Übermaß an Sensibilität – die man ja zum Schreiben bitter nötig braucht – Schuld an solchen quälenden Stimmungsschwankungen sein. Und dann gilt wohl auch oft die alte Weisheit, wonach Dummheit und Stolz auf einem Holz wachsen.
Wahrscheinlich stellt sich jeder ernst zu nehmende Künstler ab und zu die alles entscheidende Frage: „Bin ich wirklich ein Dichter? Oder nerve ich meine Umgebung nur mit dilettantischem Gebrabbel?“ Dann tut sich jedes Mal eine Art schwarzes Loch vor ihm auf und frisst alle Wärme und alles Licht. Es hilft erfahrungsgemäß wenig, den Zweifler daran zu erinnern, dass Objektivität und Logik zu ganz anderen Schlussfolgerungen führen und ihn auf bisherige Erfolge und die Schar seiner treuen Anhänger hinzuweisen.
Man erntet nur frustrierte Blicke aus rot verheulten Augen. „Nein! Ich bin doch allerhöchstens Mittelmaß! Am besten, ich höre sofort mit der verdammten Schreiberei auf und lass mich bitte inA? Ruhe mit deinem Gesülze von Erfahrung und Wachstum! Wenn man erst über fünfzig sein muss, um halbwegs ernst genommen zu werden ... nein danke!"
„Aber es wäre doch jammerschade, aufzugeben ... jetzt, wo du schon so viel erreicht hast!“
„Was zum Teufel habe ich denn erreicht? Die paar Zines und die drei oder vier Geschichten im Internet! Damit kann man heute niemanden hinter dem Ofen hervorlocken ... glaub mir, es gibt Hunderte, die besser sind als ich!“
Jeder, der große Ansprüche an sich stellt, wird ab und zu am Rande des Abgrunds landen, die Eiseskälte und den furchtbaren Sog des Nichts spüren. Wer immer einen echten Dichter liebt, muss bereit sein, ihn notfalls festzuhalten und mit seiner eigenen Seele zu wärmen. Und, liebe Kollegen, vergesst nie, welch unverschämtes Glück es ist, jemanden zu haben, der einen da immer wieder herausholt! Niemand weiß, wie viel begabte Menschen aufgeben oder zugrunde gehen, weil ihnen keiner hilft ...



2. Bitte nicht gucken!

Es gibt keine Statistiken darüber, wie viel Literatur weltweit in irgendwelchen Schubladen verschimmelt. Sicherlich ist ein Teil davon primitiver Schund ... andererseits gibt es den auch unter den veröffentlichten Büchern ... und könnte es nicht sein, dass einige wahre Meisterwerke nicht den Weg zum Leser finden, weil ihre Autoren zu schüchtern oder zu empfindlich sind, um sich in das Haifischbecken des kommerziellen Literaturbetriebs zu wagen?
Fest steht, dass zuweilen eine gehörige Portion Mut dazu gehört, einem guten Freund sein Manuskript in die Hand zu drücken. Und dann soll man es einem Wildfremden zu Lesen geben? Oder gar einem Lektor oder Kritiker? Was ist, wenn der es mit spitzen Fingern in den nächsten Papierkorb schmeißt? Dein liebstes Kind für unterentwickelt, hässlich, debil oder krank erklärt ...
Ja, das ist tatsächlich nur mit dA?em Gefühl bei der Einschulungsuntersuchung des eigenen Sprösslings zu vergleichen. „Bitte, Gott oder wer auch immer! Sorg dafür, dass mein Liebling einen halbwegs guten Eindruck macht! Bitte! Hoffentlich zappelt er nicht zu sehr herum, gibt vernünftige und verständliche Antworten ... ist nicht frech oder bockig ... lass ihn ausnahmsweise hübsch angepasst wirken, damit er in diese verdammte Schule gehen darf!“
Als wenn es wünschenswert wäre, einen kleinen geschniegelten Erwachsenen an der Leine zu führen! Aber diese Ärzte und Pädagogen lieben dein Kind nicht. Es ist ihnen fremd und wenn es nicht nach ihren Vorstellungen funktioniert ... wenn alle abfällig darüber herziehen und es nicht ernst nehmen?
Ich kann leider keinen Rat geben, wie man mit der Angst vorm Publikum fertig wird. Ich schreibe seit über dreißig Jahren und dennoch jagt der bloße Gedanke daran, dass mir jemand unverhofft ein paar unangenehme Bemerkungen vor den Latz knallen könnte, immer noch meinen Blutdruck in gefährliche Höhe.
Ja, in so einem Moment stehe ich vor dem verfluchten schwarzen Loch und grübele verzweifelt: „Was ist, wenn ich mich geirrt habe und all mein Geschreibsel doch nur irrelevanter Kitsch ist? Wenn ich die ganze Zeit eine große Klappe hatte und im Unrecht war? Wie peinlich! Und was fange ich mit meinem Leben an, wenn ich endlich eingesehen habe, dass ich gar keine Autorin bin? Über den Wäscheplatz spazieren und mit den Nachbarn tratschen? Was für eine eklige Perspektive!"
Andererseits geht jede Kreativität irgendwann verloren, wenn man sich überhaupt nicht auf Leser einlässt und so mancher Rat von ihnen ist gar nicht so übel, wenn man ihn erst zähneknirschend heruntergeschluckt, verdaut und seine Nährstoffe in die nächste Geschichte transferiert hat. Niemand kann auf Dauer ohne Anregungen von außen wachsen. Wenn das alles nur nicht A?so wehtun würde!
Ich hätte gern einen Puffer zwischen meinem empfindlichen Ego und der bedrohlichen Welt da draußen ... einen Manager, der die Post für mich vorsortiert, mir in kreativen Phasen schlechte Nachrichten vom Leibe hält, sich an meiner Stelle in das gefährliche Haifischbecken wagt und für mich die Gelegenheiten herausfischt. Leider kann ich so einen segensreichen Menschen nicht bezahlen und so schmeiße ich ab und zu zaghaft einen Brocken von mir ins Wasser und warte zitternd ab, was geschehen wird. Ich fühle mit allen, denen es ebenso geht. Bleibt tapfer, Freunde!



3. Ist das wirklich fertig?

Wenn ich ein fremdes Buch lese, nehme ich es zumeist – wenn es nicht gravierende Mängel oder offensichtlich verpasste Gelegenheiten enthält – als gegeben hin. Der Autor wird sich schon etwas dabei gedacht haben und selbst wenn mir das eine oder andere ein wenig seltsam vorkommt ... es sind nicht meine Visionen. Ich habe keine Ahnung, wie gut es dem anderen gelungen ist, die seinen aufzuschreiben. Nein ... ich bin keine besonders strenge Kritikerin und normalerweise schnell bereit, ein fremdes Kind zu akzeptieren ...
Ganz anders ist es, wenn ich selbst etwas schreibe. Da ist alles ständig auf merkwürdige Weise im Fluss. Ich finde jedes Mal, wenn ich mich an meinen Schreibtisch setze, etwas anderes zum Ändern ... manchmal ist das bitter nötig und manchmal handelt es sich um eher geringfügige Schwankungen meines Sprachgefühls. Seltsamerweise zweifle ich so gut wie nie an meinen Charakteren und dem, was sie tun oder unterlassen - die wissen allemal besser als ich Bescheid. Aber die Sprache ... es ist zum Mäusemelken!
Was kann man tun? Weiter schleifen und schleifen, bis beim besten Willen kein Makel mehr zu finden ist? Merkwürdigerweise gibt es einen Punkt, von wo an der Text nicht mehr besser, sondern immer schlechter wird. Auf einmal wirkt alles nur noch farblA?os, steif und gekünstelt. Eine Malerin sagte mir einmal, dass man ein Bild „totarbeiten“ könne ... dass man die Leinwand danach nur noch wegschmeißen oder abkratzen könne, um etwas ganz anderes darauf zu malen. Ja, das habe ich auch schon erlebt: Manche Geschichten gehen durch zu intensive Bearbeitung elend zugrunde und nichts auf dieser Welt kann sie wieder zurückbringen. Hin und wieder ist das Bessere halt ein Feind des Guten ... und Perfektionismus nicht unbedingt eine nützliche Eigenschaft.
Ich finde es ausgesprochen schwierig, den richtigen Augenblick zum Aufhören abzupassen. Am leichtesten fällt es mir noch, wenn ich einen Termin für die Abgabe habe. Das gibt mir zwar nicht unbedingt ein gutes Gefühl und oft würde ich das Kuvert mit dem Manuskript am liebsten wieder aus dem Briefkasten angeln … aber in Wirklichkeit bin ich heilfroh, dass das nicht so einfach geht. Hauptsache die Geschichte ist endlich unterwegs … und nicht totgearbeitet.



4. Kalte Blockadewinter

Es gibt nichts Schlimmeres als eine Schreibblockade! Man sitzt vor dem Computer, starrt auf den Monitor, tippt ab und zu mit ungutem Gefühl ein paar Worte … aber es ist leider von vorn herein klar, dass nichts dabei herauskommen wird. Alles klingt hohl, gekünstelt, langweilig … und die verfluchten Figuren stehen wie Statuen herum: kalt, hart, schweigsam und bockig. Verdammt! Der Abgabetermin rückt immer näher und die Bande will nicht, deine Gehirnwindungen wollen auch nicht, die eigene Seele stellt sich tot und diese unzuverlässigen Musen nehmen einfach keine Notiz von dir …
Nicht ohne Grund glaubten die alten Griechen, dass es spezielle Götter gibt, die Künstlern und Wissenschaftlern Inspiration schenken. Ob die Katholiken Heilige haben, zu denen man bei der schlimmsten aller kreativen Katastrophen beten kann, weiß ich nicht. Ich werde mich bei Gelegenheit danach erA?kundigen, denn ich kann jede Art Hilfe gebrauchen.
Woher kommen diese Blockaden und wie kann man sie vermeiden? Ein sicheres Rezept gibt es nicht. Ich konnte bisher lediglich einige Ursachen beobachten, aber die erweisen sich manchmal auch als harmlos … man kann es nur bedingt voraussehen.
Die übelsten Stolpersteine sind Verletzungen des Selbstbewusstseins, Ablenkung, Sackgassen bezüglich Form und Inhalt, unentdeckte Denkfehler, Streit mit wichtigen Charakteren, Gefühlschaos, Verlust, Tagespolitik, Wetterlage … und natürlich verursacht jede Begegnung mit dem berüchtigten schwarzen Loch zwangsläufig eine Schreibblockade …
Diese Schwankungen bei der Kreativität sind oft wie Naturkatastrophen, die man nur fatalistisch ertragen kann, weil es sowieso kein Rezept dagegen gibt. Andererseits ist es durchaus möglich, den Einfluss mancher Inspirationskiller zu minimieren … zum Beispiel, indem man den Kontakt mit langweiligen Mitmenschen ein wenig reduziert, ab und zu über den eigenen Tellerrand schaut, sich mit seiner Katze unterhält, während einer Liebesnacht neue Kraft tankt, ein fremdes oder eigenes gutes Buch liest, zur Abwechslung malt oder singt, sich mit jemandem streitet oder verträgt …
Findet heraus, was euch hilft, vermeidbare schwarze Löcher zu umschiffen und wappnet euch in allen anderen Fällen mit Geduld. Glaubt mir, ihr seid mit euren Problemen nicht allein! Jeder andere Autor kennt ebenfalls diese entsetzlichen Qualen … und wenn er ehrlich und anständig ist, wird er mit euch fühlen.
Ich kann euch nur sagen: Freunde, das geht irgendwann vorüber. Und vielleicht ist diese Pause nicht ganz und gar schlecht. Denn wenn ihr immerzu geradeaus durchmarschiert, landet ihr womöglich auf einer Müllhalde oder einem Truppenübungsplatz, wo gerade heftig geballert wird …



5. Das grünäugige Ungeheuer

Ihr erinnert euch doA?ch an Neelix aus Star Trek – Voyager? Der bezeichnete seine irrationale Eifersucht als grünäugiges Ungeheuer. Jedes Mal, wenn ein anderer Mann seine Kes mit Interesse oder Wohlgefallen ansah, zerriss es ihn fast …
Die Beziehung zu einer Muse kann ähnlich emotional wie die Liebe zu einem Partner sein. Die Angst vor Diebstahl und anderen Formen des Verlusts ist riesengroß ... und wenn du gezwungen bist, von deiner Kunst zu leben, geht es obendrein nicht nur um Ruhm und Wohlbefinden, sondern um die nackte Existenz.
In unserer Gesellschaft wird letztendlich jeder gezwungen, mit seinen Mitmenschen auf Teufel komm raus zu konkurrieren. Selbst bei simplen Laienwettbewerben verzichten die Veranstalter niemals darauf, das Ranking bis zum allerletzten Platz durchzuziehen ... obwohl es doch völlig ausreichen würde, die preisträchtigen Plätze festzulegen. Wenn ich es nicht aufs Treppchen geschafft habe, ist es doch egal, ob ich auf Platz acht oder neununddreißig gelandet bin …
Nun wird manch einer einwenden, dass es eben wie beim Sport laufen würde … aber das ist Blödsinn! Schließlich geht es dort fast immer um konkret messbare Ergebnisse. Gut, es gibt Doping und in manchen Sportarten Noten für den künstlerischen Ausdruck … ja, beim Eiskunstlaufen und Turnen kann es auch ein bisschen ungerecht zugehen, da kommen die persönlichen Vorlieben und Abneigungen der Juroren heftig ins Spiel … aber wie viel schlimmer ist es bei Geschichten oder Bildern? Der offensichtliche Mist ist schnell aussortiert und der Wert der übrigen Arbeiten liegt weitgehend im Auge des Betrachters …
Manchmal kann einen schon die Wut packen, wenn bestimmte Autoren konsequent vorgezogen werden! Wenn potenzielle Käufer von deinen Büchern weggezerrt werden und die Leute hinter dem Verkaufstisch immer wieder nur auf ihre eigenen guten Freunde und Hätschelkinder hinweisen: „Hier, das musst du unbedingt leseA?n! Alles andere lohnt sich nicht." Verdammte Mafia! Ja, an solchen Erlebnissen kann man lange kauen, ohne dass sie davon auch nur ein bisschen verdaulicher werden!
Fast noch schlimmer ist es, wenn das einseitige Lob jemandem gilt, den man eigentlich sehr mag und respektiert. Dann kommt zu dem hässlichen Neidgefühl noch die Scham, weil man es dem Freund eigentlich gönnt, aber …
Ich bezweifle, dass all die leichtfertigen und selbstgerechten Verkäufer, Kritiker, Kollegen und Leser auch nur einen winzigen Moment darüber nachdenken, was sie mit ihrem schnellen, einseitigen und manchmal ziemlich unqualifizierten Urteil anrichten.
Gegen das grünäugige Ungeheuer und andere Anfechtungen dieser Art hilft nur vulkanische Mentalkontrolle und da es bei uns leider keine Kohlinar-Meister gibt, muss sich jeder so gut es geht selber helfen.



6. Und der Familienstress ...

Schreibwut ist wie eine Krankheit. Man wälzt die Geschichte im Traum und im Halbschlaf hin und her, streitet oder kuschelt mit den Charakteren, sieht imposante neue Welten vor sich und am nächsten Morgen sieht man all die faszinierenden Früchte der Nacht bedenklich im Wind des Alltags schwanken gleich wird er alles auseinander wehen und dann ist es für immer weg! „Hilfe! Meine Geschichte ist in Gefahr und ich muss jetzt ganz schnell …“
Ja, ich lasse tatsächlich manchmal alles stehen und liegen und setze mich barfuß und im Nachthemd an meine Tastatur. Aber der Alltag lässt sich nicht so ohne weiteres abwimmeln: Die Katzen laufen über die Tastatur und plärren nach Futter und Liebe, der Briefträger klingelt, irgendwelche unglückliche 1 € - Jobber mähen knatternd den Rasen auf dem Wäscheplatz und meine betagten und ziemlich schwerhörigen Nachbarinnen werten lauthals ihre letzten Arztbesuche aus. Irgendwann ziept es auch bei mir im Bauch und in den Gelenken - leider ist meine FaA?ntasie auch in dieser Beziehung ziemlich heftig - und ich kann nicht mehr an meine Geschichte denken, weil allerlei beängstigende Katastrophenszenarien in meinem Kopf herumwirbeln. Dann raffe ich mich schließlich doch auf und tue erst einmal meine Pflicht. Wenn ich damit fertig bin und erleichtert zu meinem Computer zurückkehre, ist die Geschichte merklich blasser geworden
Kinder sind noch ungeduldiger als Katzen … und außerdem fabrizieren sie neben der üblichen Entropie noch dreckige Wäsche und löchern einen mit mehr oder weniger sinnvollen und stets schwierig zu beantwortenden Fragen. „Mutti, wozu brauchen Ameisen sechs Beine?“ oder „Mutti, weshalb soll ich kein Salz auf die Marmeladenstulle tun?“ oder „Warum meckerst du mit mir über Sachen, die du den Katzen durchgehen lässt!“
„Aber Liebling! Katzen können das nicht verstehen aber du bist ein Mensch!“
„Ich möchte viel lieber eine Katze sein!“
„Grrrrr!“
Über den Einfluss von Ehemännern auf die Schreiberei kann ich nichts sagen, denn ich war nie verheiratet. Allerdings hatte ich mehrere Jahre eine Wochenendbeziehung mit einem Hobbyautor. Das war zeitweilig ganz inspirierend … aber dann gab es leider Futterneid, Ideenklau und andere hässliche Probleme. Irgendwann haben wir unsere Gedichte voreinander versteckt und nur noch über Banalitäten miteinander geredet. Ja, damals mit Schulkind und ohne Computer reichte meine Kraft gerade Mal für ein oder zwei Gedichte im Monat
Dass ich die Sache mit der geistigen Partnerschaft nicht gepackt habe bedeutet nicht, dass es nicht funktionieren kann. Ich habe auch einiges falsch gemacht … und möglicherweise war es ja auch der falsche Mann …
Aus heutiger Sicht würde ich es so formulieren: Es ist gut, wenn die Claims klar abgesteckt sind und rechtzeitig geklärt wird, was man mit dem Partner teilen möchte undA? was nicht. Falls es zu einer Zusammenarbeit kommt, sollten sich beide darum kümmern, dass der andere nicht ins Hintertreffen gerät und seine Arbeit ausreichend gewürdigt wird. Dann müsste es eigentlich auch beiden recht gut gehen. Ideendiebe sind zwar manchmal berühmt – jeder kennt die Beispiele aus alter und neuer Zeit – aber das ändert nichts daran, dass sie abscheulich sind.
Und nun ein letzter Rat: Freunde, wenn ihr schon perfektionistisch sein wollt, dann bitte nicht beim Putzen! Es ist zwar wichtig, für den Broterwerb zu arbeiten und sich liebevoll um alle Lebewesen im Haushalt zu kümmern ... denn, wer zu egoistisch seine eigenen Projekte in den Vordergrund rückt, wird bald niemanden mehr haben, der ihn von dem schwarzen Loch wegzerren kann … aber andererseits … wer nicht im Stande ist, Abstriche bei der Pflege des fühllosen Inventars zu machen, wird sein ganzes Leben damit verplempern ... und nicht jeder hat als Rentner noch die nötige Stärke und Flexibilität, um seine vernachlässigten Jugendträume verwirklichen zu können …



Fazit:

Angst, Zweifel, Neid und Blockaden sind die Dämonen der Dichter und es ist leider nicht immer möglich, sie in Schach zu halten. Man kann versuchen, ihren Attacken mit Geduld, Logik oder einer gehörigen Portion Frechheit zu begegnen. Dennoch schafft man es manchmal nicht allein … aber auch die Liebe kann der Kreativität im Wege stehen.

© Anneliese Wipperling

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